Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Buchbesprechungen "informationen" Nr. 55, Juni 2002

<<Zurück zum Heft "informationen" Nr. 55

Übersicht
Hungersterben in der Psychiatrie
Heinz Faulstich: Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie. Freiburg: Lambertus-Verl., 1998.
Margret Hamm >>Mehr dazu
Vom Umgang mit einem schwierigen Thema
Christa Schikorra: Kontinuitäten der Ausgrenzung. „Asoziale" Häftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Berlin: Metropol, 2001.
Ulrich Schneider
>>Mehr dazu
"Wer Täter ehrt, mordet ihre Opfer noch einmal."
Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich - Karrieren vor und nach 1945. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2001.
Heiko Lüßmann
>>Mehr dazu
Materialien für den Unterricht: Zwangssterilisierungen und „Euthanasie"
Opfer von Zwangssterilisierungen und NS-„Euthanasie" in der Rheinprovinz. Eine didaktische Arbeitshilfe mit Dokumenten, Bildern und Texten für Schule und Bildungsarbeit. Erstellt von Kerstin Griese in Zusammenarbeit mit Regine Gabriel und Angela Genger. Herausgegeben von der Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Düsseldorf, 2001.
Elke Hartig
>>Mehr dazu
Euthanasie-Verbrechen in Pirna-Sonnenstein
Thomas Schilter: Unmenschliches Ermessen. Die nationalsozialistische „Euthanasie"-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41. Leipzig: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1998.
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu
Musik in Konzentrationslagern
Guido Fackler: „Des Lagers Stimme" - Musik im KZ. Alltag und Häftlingskultur in den Konzentrationslagern 1933 bis 1936. Bremen: Edition Temmen, 2000.
Cornelia Pieroth
>>Mehr dazu
Werte gegen Gewalt
Anna Pawelczynska: Werte gegen Gewalt. Betrachtungen einer Soziologin über Auschwitz. Aus dem Polnischen von Jochen August. Oswiecim: Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, 2001.
Joachim Neander
>>Mehr dazu
Vertreibung der Juden aus Pommern
Wolfgang Wilhelmus: Flucht oder Tod. Erinnerungen und Briefe pommerscher Juden über die Zeit vor und nach 1945. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2001.
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu 
Sozialdisziplinierung im Arbeitszwangslager
Gabriele Lotfi: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich. Mit einem Vorwort von Hans Mommsen. Stuttgart/München: Deutsche Verlagsanstalt, 2000.
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
Frauen gegen Hitler
Martha Schad: Frauen gegen Hitler. Schicksale im Nationalsozialismus. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2001.
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu
Zur politischen Ökonomie des Holocaust
Dieter Stiefel (Hg.): Die politische Ökonomie des Holocaust. Zur wirtschaftlichen Logik von Verfolgung und „Wiedergutmachung". München: R. Oldenbourg, 2001.
Joachim Neander
>>Mehr dazu
NS-Bürokratien
Wolf Gruner, Armin Nolzen (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus Heft 17: Bürokratien. Initiative und Effizienz. Berlin: Assoziation A, 2001.
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
Zeugen Jehovas im KZ Dachau
Erhard Klein: Jehovas Zeugen im KZ Dachau. Geschichtliche Hintergründe und Erlebnisberichte.
Bielefeld: Mindt, 2001.

Hans Hesse
>>Mehr dazu
Nachkriegserinnerung an die Razzia in Putten
Madelon de Keizer: Razzia in Putten. Verbrechen der Wehrmacht in einem niederländischen Dorf.
Köln: Dittrich, 2001.

Kurt Schilde
>>Mehr dazu
Antirassistische Pädagogik in Europa
Anna Aluffi-Pentini, Peter Gstettner, Walter Lorenz, Wladimir Wakounig (Hrsg.): Antirassistische Pädagogik in Europa. Theorie und Praxis. Klagenfurt/Celovec: Drava-Verlag, 1999 (= Slowenische Jahrbücher, Bd.5).
Peter Krahulec
>>Mehr dazu
Zeugnisse des Widerstehens
Kurt Finkenstein: Briefe aus der Haft 1935-1943. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Dietfried Krause-Vilmar. Kassel: Jenior Verlag, 2001.
Ulrich Schneider
>>Mehr dazu
Vergessenes?
Karl Heinz Jahnke: Vergessenes? - Der europäische Widerstand 1939-1945 in den Geschichtslehrbüchern. Frankfurt am Main: VAS, 2001.
Ulrich Schneider
>>Mehr dazu
 

Hungersterben in der Psychiatrie
Heinz Faulstich hat seine Forschungsergebnisse in sechs Hauptbereiche gegliedert. Ausgehend vom Hungerstreben während des Ersten Weltkriegs untersucht er die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus bis hin zur Versorgungssituation der Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten nach dem Zusammenbruch des Faschismus und schließt damit eine Forschungslücke. Zu Beginn weist er auf verschiedene Autoren hin, die sich in der Vergangenheit mit Teilaspekten beschäftigt haben und meistens regionale Strukturen untersuchten. Er geht der Frage nach, ob sich das Hungersterben in allen Reichsprovinzen gleichermaßen zeigt und sich dadurch die „Euthanasie"-Absichten gegenüber den psychisch kranken Menschen erkennen lassen sowie ein „dreistufiges Hungersystem" des NS-Staates sichtbar wird.

In dem Teil, der das Hungersterben während des Ersten Weltkriegs untersucht, wird gezeigt, dass das Massensterben in den Heil- und Pflegeanstalten Teil der allgemeinen Hungersnot war. Durch die schlechte Ernährungspolitik des Kaiserreichs und der alliierten „Hungerblockade" starben Tausende Anstaltspatienten. Die Patienten waren durch ihre Internierung in der Psychiatrie von der Nahrungsbeschaffung ausgeschlossen und derjeweiligen Anstaltsleitung ausgeliefert. Und diese unterließen es weitgehend, wohl aus „patriotischen" Gründen, so Faulstich, die Not der ihnen anvertrauten Menschen zu lindern.

Zur Zeit der Weimarer Republik setzte sich das Hungersterben in den Anstalten fort und die Auseinandersetzung mit dem Massensterben im Krieg war recht zögerlich. Faulstich schreibt, dass das Hungersterben gerechtfertigt zu sein schien. Man empfand die Anstaltspatienten als „Ballastexistenzen". Er fand heraus, dass in der kurzen Phase zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise das Hungersterben in den Reichsprovinzen- bis auf wenige Ausnahmen - zurückging. Die kurzanhaltende verbesserte Lebenssituation wurde jedoch durch eine erneute Diskussion um zu senkende Pflegesätze überschattet. Nach dem Ende der Weimarer Republik sparte man wieder an der Versorgung der Patienten in den Heil- und Pflegeanstalten - zwar in den einzelnen Reichsprovinzen unterschiedlich stark, aber für die Patienten spürbar.

Seine Forschungen zeigen ein Nord-Südgefälle, was auch, so Faulstich, mit dem unterschiedlichen Durchsetzungswillen und der unterschiedlichen Akzeptanz der Anstaltsleitungen hinsichtlich der „rassehygienischen Maßnahmen" des NS-Regimes zusammenhing. Erfand heraus, dass sich beispielsweise Hessen-Nassau mit radikalen Sparmaßnahmen hervortat, aber in der praktischen Versorgungspolitik eine auffällige Sterblichkeitsrate der Anstaltpatienten vermied. Anderer Regionen versorgten ihre Patienten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs (Beginn der „Euthanasie") gerade mit so viel Nahrungsmitteln, dass sie am Leben blieben. Aufgrund seiner regionalgeschichtlichen Forschungen teilt Faulstich eine sich abzeichnende NS-Psychiatrie in drei Stufen ein: Den noch leistungsfähigen akut Kranken wird mit den Mitteln moderner Medizin geholfen, und nach erfolgter Zwangssterilisation stehen sie dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung.

Die Gruppe der arbeitsfähigen chronisch kranken Patienten wird in sparsam ausgestatteten Heil- und Pflegeanstalten verwahrt, um mit ihrer Arbeitskraft die Selbstversorgung der Anstalt zu gewährleisten. Die dritte Gruppe bilden die arbeitsunfähigen chronisch Kranken, die zudem pflegebedürftig sind, nach der NS-Ideologie als „Ballastexistenzen" gelten und mit einem Minimalaufwand versorgt werden. „Lebenswert" bzw. „lebensunwert" stehen zur Disposition.

Einer allgemeinen Betrachtung der NS-Psychiatrie im III. Kapitel folgen im V. Kapitel die sehr umfangreichen und äußerst detaillierten Darstellungen der NS-Kriegspsychiatrie in den Ländern und Provinzen. Durch Hungersterben, Mangelversorgung oder Medikamentenmord kamen nach Faulstichs Schätzung 185.000 Menschen ums Leben. Faulstich weist ausdrücklich darauf hin, dass manche Ergebnisse aufgrund der Quellenlage nur Schätzwerte sind, die im Vergleich zu den belegbaren statistischen Einzelauswertungen jedoch aussagekräftig sind. Für Polen und Rußland schätzt Faulstich je 20.000 und für Frankreich 40.000 Hungertodopfer in den Anstalten. Insgesamt kommt er zu der Einschätzung, daß aufgrund des faschistischen Regimes und seines Aggressionskrieges 260.000 psychisch kranke Menschen den Tod fanden bzw. ermordet wurden.

Das Ergebnis seiner Untersuchung fasst Faulstich in zwölf Punkten zusammen, von denen einige hier angeführt sind:

- In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Versorgung der Patienten entsprechend der rassehygienischen Ziele" nach und nach gesenkt. Die ansteigende Sterblichkeit ist auf erhöhte Tuberkuloseerkrankungen zurückzuführen.

- Bei der Umsetzung dieser Zwangsmaßnahmen sind Unterschiede erkennbar (Nord-Süd-Gefälle).

- Bei Kriegsbeginn verfügt der Reichsfinanzminister weitere Einsparungen in der Anstaltsversorgung mit der Folge erhöhter Sterblichkeit.

- Ab 1943 übernahm Karl Brandt die Evakuierung der rheinischen, westfälischen und brandenburgischen Anstalten. Arbeitsunfähige und Pflegebedürftige wurden verlegt. Die Sterberate nach den Verlegungen war nachweislich hoch. Vermutlich durch die erhöhte Zahl der Luftkriegsopfer und der verwundeten Soldaten benötigte man zunehmend Krankenhausbetten. Um dem entstandenen Platzmangel zu begegnen, ermächtigte Brandt eine Gruppe von Ärzten, Anstaltspatienten mit Medikamenten zu töten.

- Ca. 15 Heil- und Pflegeanstalten nahmen mit ihren „Euthanasie"-willigen Anstaltsleitern an den Mordaktionen teil.

- In den übrigen (40) Anstalten lehnte man zwar die Tötung durch Medikamente ab, verfolgte aber die Strategie des Hungersterbens.

Faulstich kommt zu dem Ergebnis, dass in der Kriegszeit in den Heil- und Pflegeanstalten mindestens 90.000 Menschen starben. Den Abschluß dieser umfangreichen Studie bildet die Untersuchung der Zeit nach dem Ende des Faschismus bis 1949. Nach dem Krieg trugen die Alliierten die Verantwortung für die Gesamtversorgung der Bevölkerung. Die Anstaltspatienten wurden dabei formal der „Normalbevölkerung" gleichgestellt. Doch die erst ab Herbst 1945 wirksam werdenden Versorgungsstrukturen oblagen den deutschen Behörden und die Lebensmittelzuweisung erfolgte zu Ungunsten der Patienten. Die Alliierten mussten die deutschen Behörden ermahnen, den Gleichheitsgrundsatz zu wahren.

Faulstich geht für diesen Zeitraum in seiner Grobschätzung von mindestens 20.000 Hungertoten in den Anstalten aus. Er vermutet, dass die schlechte Versorgung auf die nationalsozialistische Grundhaltung der Anstaltsleitungen und des Pflegepersonals zurückzuführen ist. Die Studie ist eine komplexe Ergänzung zum Verständnis der Psychiatrie im Faschismus, aber auch der Zeit davor und danach und beleuchtet einen bislang wenig erforschten Bereich.

Heinz Faulstich: Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie. Freiburg: Lambertus-Verl., 1998. Margret Hamm
<<Zurück zur Übersicht

Vom Umgang mit einem schwierigen Thema

In den vergangenen Jahren entstanden zahlreiche Forschungsarbeiten zu vernachlässigten Aspekten der KZ-Geschichte, so auch eine Dissertation zu Frauen, die in der faschistischen Diktion als „Asoziale' bezeichnet wurden,im KZ Ravensbrück. Eingangs weist Christa Schikorra darauf hin, dass die gesellschaftliche Ausgrenzung von Frauen, die sich nicht den vorgegebenen bürgerlichen Normen einfügten, keine Spezifik faschistischen Denkens darstellte. Im Rahmen der faschistischen „Volksgemeinschaftsideologie" wurde jedoch dieses tradierte soziale Verständnis in ein Bild der „Gemeinschaftsfremden" oder „Volksfeinden", die es „umzuerziehen" oder „auszumerzen" gelte, überführt.

Dabei wurde diese Kategorie deutlich ausgeweitet in die Bereiche Wohnungslose, Bettler, Wohlfahrtsempfänger, Prostituierte, Personen, die ihrer Arbeits- und Dienstpflicht nicht nachkamen, Fürsorgezöglinge, sexuell unangepasst Lebende und Menschen anderer ethnischer Herkunft. Auch das Zusammentreffen von Problemen in Familien, wie Straffälligkeit, Armut und Kinderreichtum wurde als „asozial" eingestuft. Die menschen- verachtende Konsequenz war oftmals die Einweisung in ein Arbeitserziehungslager oder - beginnend in der „Aktion Asoziale Reich" 1938 - die Überführung in ein Konzentrationslager.

Ausgehend von über zwanzig Interviews mit Frauen, die im Lager Ravensbrück als „Schwarze-Winkel"-Trägerinnen inhaftiert waren, skizziert die Autorin die Wege der Verfolgung als „Gemeinschaftsfremde", die Ausgrenzungen und Stigmatisierungen sowie die Besonderheiten der Lebensbedingungen im Lageralltag. Dabei verweist sie auch auf die Bedeutung des faschistischen Frauenbildes für die Massivität der Verfolgung solcher Frauen. Die „asozialen" Frauen erlebten die gleiche grausame Wirklichkeit des KZ Ravensbrück, wie alle anderen Mithäftlinge, sie erlebten sie jedoch noch härter und grausamer, da sie in der Konstruktion der Häftlingsgesellschaft in der untersten Kategorie angesiedelt waren. Dies betraf sowohl das Verhalten der SS-Aufseherinnen gegenüber diesen Frauen, wie auch den eigenen inneren Zusammenhalt, der ein Überleben in dieser Hölle des Lagers überhaupt nur ermöglichen konnte. Anders als organisierte Nazigegner, die sich auch im Lager versuchten als Gruppe zu konstituieren, waren viele Frauen, die als „Asoziale' eingeliefert wurden, dieser menschenvernichtenden Situation hilflos und vereinzelt ausgeliefert.

Hinzu kam, dass viele dieser Frauen auf Grund der faschistischen Ideologie der „rassischen Minderwertigkeit" verbrecherischen medizinischen Experimenten und Eingriffen ausgesetzt waren, so der Zwangssterilisation oder medizinischen Versuchen an geschlechtskranken Frauen. Besonders pervers ist es zu nennen, dass ehemalige Prostituierte zwangsweise in andere Konzentrationslager überstellt wurden, um dort in Lagerbordellen diesem gesellschaftlich stigmatisierten Gewerbe nachzugehen. In einem eigenen Kapitel geht die Autorin auf die Stellung der „asozialen" Frauen innerhalb der Häftlingsgesellschaft ein. Dieser Teil hat den Rezensenten am wenigsten überzeugt. Ausgehend von dem Begriff „Dominanzkultur" (Birgit Rommelspacher) versucht sie die Differenzierungen innerhalb der Häftlingsgesellschaft zu erfassen, wobei sie zu dem Ergebnis kommt, dass das „Stereotyp der,Asozialen"' auch die Außenwahrnahme innerhalb der Häftlingsgesellschaft geprägt habe. Sicherlich ist es richtig, dass die politisch bewussten und organisierten Frauen, die innerhalb des Lagers das Überleben versuchten zu organisieren, sich gegenüber dieser Häftlingsgruppe zurückhaltend zeigten. Das hatte jedoch eher etwas mit dem Bewusstsein der eigenen politischen Gegnerschaft und Organisationsstrukturen zu tun, als mit doppelter Ausgrenzung von "Asozialen".

So kommt auch Schikorra nicht daran vorbei, an einzelnen Beispielen deutlich zu machen, wie es politischen Frauen zum Teil gelang, "Asoziale" in das gemeinsame Handeln gegen die Zielsetzungen der SS einzubinden. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem kurzen Kapitel über die Kontinuitäten der Ausgrenzung von Frauen, die als „Schwarze Winkel"-Trägerinnen im KZ waren. Sie wurden im Westen auf Grund der Formulierungen des Bundesentschädigungsgesetzes trotz erwiesener Verfolgung außerhalb jeder Wiedergutmachung gestellt. „Asozialität" wurde als Ausgrenzungsgrund genommen, genau wie die Verfolgung als Deserteur, als Homosexueller, als Angehöriger der Sinti und Roma. In der DDR wurde ihnen - wenn sie gesellschaftliche Einordnung praktizierten - zumindest die Entschädigung nach dem OdF-Gesetz zugestanden. Erst durch die Einrichtung so genannter „Härtefonds" sei in den vergangenen Jahren die fehlende Haftentschädigung etwas kompensiert worden. Die gesellschaftliche Ausgrenzung und Stigmatisierung über den Begriff der „Asozialität" bleibe jedoch weiterhin wirksam, so ein Fazit der Arbeit von Christa Schikorra.
 
Christa Schikorra: Kontinuitäten der Ausgrenzung. „Asoziale" Häftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Berlin: Metropol, 2001.
Ulrich Schneider
<<Zurück zur Übersicht

"Wer Täter ehrt, mordet ihre Opfer noch einmal." 
1973 erhält der Präsident und spätere Ehrenpräsident der von ihm mitbegründeten Deutschen Welthungerhilfe Prof. Dr. phil. Dr. med. h.c. Heinrich Kraut das Große Bundesverdienst kreuz mit dem Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik. Heinrich Kraut war 1956 einer der Gründungsdirektoren des eigenständigen Max-Planck-Instituts für Ernährungsphysiologie. Dieses wiederum ist Teil der Max-PlanckGesellschaft, die Nachfolgeorganisation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, deren Forschungsinstitute und deren Wissenschaftler tief in die abscheulichsten Verbrechen des Dritten Reiches verstrickt waren.

Heinrich Kraut, Mitglied der NSDAP ab 1937, wird 1942 Wissenschaftliches Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Die KWG fördert und begleitet über die Deutsche Forschungsgemeinschaft u.a. die Menschenversuche an Zwillingen des KZ-Arztes Dr. Joseph Mengele in Auschwitz, Malariaversuche mit KZ-Häftlingen in Dachau und im Rahmen von Forschungsaufträgen der Luftwaffe Meerwasserversuche und Versuche in der Unterdruckkammer, die für die KZ-Häftlinge immer tödlich endeten.

Heinrich Kraut tritt 1947 als Gutachter für die Verteidigung im Flick-Prozeß auf und erläutert dabei u.a., dass die Verpflegung der Zwangsarbeiter ausreichend war, da sie „durch das Fehlen jeder außerberuflichen körperlichen Beanspruchung insgesamt einen geringeren Kalorienbedarf als die deutschen Arbeiter hatten." Doch damit noch nicht genug. In einer Eidestattlichen Erklärung von 1948 für den Militärgerichtshof in Nürnberg errechnet Kraut für die KZ-Sklavenarbeiter der I.G. Farben in Auschwitz einen Kalorienüberschuss von 20 Kalorien pro Tag, da sie im Gegensatz zu normalen Arbeitern weniger „Freizeitkalorien" verbrauchten.

Ernst Klee stellt seinem Buch über die deutschen Mediziner im Dritten Reich und ihre Karrieren nach 1945 das Beispiel von Heinrich Kraut voran. Die Verhöhnung der Opfer durch die Täter, die Hofierung der Täter und ihr ungebrochener Aufstieg auf der Karriereleiter sind signifikant für die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Es gibt in der deutschen Nachkriegsgeschichte wohl kaum einen Berufsstand, der mit einem vergleichbaren Netz an Vertuschungen, Verharmlosungen, gegenseitigen „Persilscheinen" und offensichtlichen Lügen, Fälschungen und Aktenvernichtungen sich selbst so hartnäckig von der Verantwortung für Verbrechen im Dritten Reich freigesprochen hat wie die deutschen Mediziner. Es ist der langjährigen, konsequenten, den Opfern verpflichteten historischen Recherche Klees zu verdanken, dass die erschreckende Wahrheit endlich ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wird.

In seinem neuesten Buch zeichnet er den Weg der deutschen Medizin von der Geschichte der Theorie der „Rassenhygiene", die bereits am Ende des 19. Jahrhunderts ihre entscheidenden Impulse erfährt, bis zu den letzten durch den NS-Staat ermöglichten praktischen Konsequenzen in den Mordanstalten Hadamar, Auschwitz, Treblinka ... nach. Das Naziregime ermöglicht den deutschen Psychiatern und Humanbiologen die konsequente und hemmungslose Anwendung ihrer mörderischen Theorie der „Rassenhygiene'.

Zu diesen praktischen Konsequenzen gehört auch die „Kinder-Euthanasie", der Mord an behinderten Kindern. Neben Werner Catel, Ordinarius für Kinderheilkunde und Leiter der Universitätsklinik in Leipzig, gehört der Kinder- und Jugendpsychiater Hans Heinze zu den führenden Planern des Kindermords. Zentrum des Mordens ist die von ihm geleitete Anstalt in Brandenburg-Görden. Hier werden bis Kriegsende 1264 Kinder und Jugendliche „beforscht", getötet und schließlich seziert. Sie werden zu Objekten von Medizinversuchen und zu „Material" für Dissertationen.

Die Täter sprechen von „erfolgreicher Behandlung", wenn sie Ermordung meinen. Der Mord als medizinische Behandlungsmethode - die Sprache verrät die völlige Perversion medizinischer und wissenschaftlicher Ethik. Den meisten Tätern fehlt jegliches Schuldbewußtsein. Und nicht nur das, sie leugnen nach dem Krieg, jemals mit dem Kindermord befaßt gewesen zu sein. Catel flieht im Dezember 1946 in den Westen und wird Leiter der Kinderheilstätte Mammoldshöhe bei Kronberg im Taunus.

Die Täter waschen sich gegenseitig rein. Das Hamburger Landgericht setzt 1949 die Strafverfolgung Catels auf Grundlage des Berichts des Sachverständigen Hans Bürger-Prinz, eines Freundes von Catel, außer Kraft. In der Begründung heißt es, dass „die Verkürzung lebensunwerten Lebens" keinesfalls „dem allgemeinen Sittengesetz widerstreitet". Catels Karriere steht nunmehr nichts mehr im Wege. 1954 bekommt er den Lehrstuhl für Kinderheilkunde in Kiel. Vorher hat natürlich auch er sich für Kollegen eingesetzt. So bringt er den Arzt Ernst Klemm, 1941 mit einer Weihnachtsprämie für seine Tätigkeit in der Kindermordabteilung bedacht, zunächst in der Kinderheilstätte Mammoldshöhe unter, bevor Klemm schließlich zum Chefarzt des Kinderkrankenhauses Zeven bei Bremen aufsteigen kann. Dies ist nur eines von zahlreichen Beispielen aus der Untersuchung von Ernst Klee, aus denen deutlich wird, mit welcher Schamlosigkeit sich die Täter nach 1945 gegenseitig reinwuschen und anschließend mit neuen Posten versorgten. Einige von ihnen schreckten auch nicht davor zurück, sich selbst gar als Widerstandskämpfer gegen die Vernichtungspolitik der Nazis zu gerieren.

Klee führt in seinem Buch ca. 750 Personen auf, die sich an der NS-Vernichtungsmedizin beteiligt haben. Er benennt die Verbrechen und zeigt auf, wie das System der Vertuschung und der Verschleierung funktionierte und zum Teil noch heute funktioniert.

Auch heute noch betreibt die Max-Planck-Gesellschaft Täterschutz. Sie beansprucht weiterhin das Monopol, ihre Geschichte selbst zu erforschen. Die Benutzer des Archivs sind verpflichtet, vor ihrer Veröffentlichung Auszüge von Archivalien zur Überprüfung vorzulegen. Nachlässe, wie der des Chemikers und Nobelpreisträgers Adolf Butenandt, NSDAP-Mitglied seit 1936, der, obwohl Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie und Mitglied der Deutschen Akademie für Luftfahrtforschung, im I.G.-Farben-Prozeß leugnete, von Menschenversuchen an KZ-Häftlingen „niemals auch nur andeutungsweise gehört" zu haben, werden weiterhin unter Verschluss gehalten.

Es ist das Verdienst von Ernst Klee, mit seiner beharrlichen wissenschaftlichen Forschung zur Medizin im Dritten Reich und der  nun vorgelegten Untersuchung, die über 50-jährige skandalöse Vertuschung der umfangreichen Beteiligung der deutschen Medizin und Mediziner an den Verbrechen im Dritten Reich aufgebrochen zu haben.

Seine wissenschaftliche Forschung mit dem Blick aus der Opfer-Perspektive schärft das Bewußtsein dafür, dass die Vergangenheit auch heute weiterhin bedrohlich gegenwärtig ist und zur Wachsamkeit verpflichtet, gerade im Blick auf eine Wissenschaft wie die Humangenetik, deren Erkenntnisdrang das Recht und die Würde des Menschen leichtfertig missachtet. „Deutsche Medizin im Dritten Reich - Karrieren vor und nach 1945" ist ein Buch, das jeder lesen sollte, der sich ein Bild über die Möglichkeiten und Gefahren der heutigen humangenetischen Forschung und ihrer Forscher machen will.

Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich - Karrieren vor und nach 1945. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2001.Heiko Lüßmann
<<Zurück zur Übersicht

Materialien für den Unterricht: Zwangssterilisierungen und „Euthanasie"
Opfer von Zwangssterilisierungen und NS-„Euthanasie„ sind auch im Jahre 2001 noch immer „vergessene" Opfer. Dies trifft gleichermaßen für die Öffentlichkeit wie auch für den Unterricht in Bildungseinrichtungen zu. Die vorliegende Veröffentlichung beinhaltet die didaktischen Aufarbeitung der Zwangssterilisation und Ermordung von körperlich und geistig behinderten Menschen in der Rheinprovinz.

Die Einleitung gibt einen gut zusammengefassten Überblick zur Vorgeschichte. Das zweite Kapitel ist dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" gewidmet. Gut dargestellt ist das dem Gesetz zugrundeliegende Menschenbild, mit Verachtung aller Leistungsminderungen. Das beigefügte Dokument als Beispiel der Intelligenzprüfung macht die Absurdität der Stigmatisierung sehr deutlich. Im dritten Kapitel erfolgt die Thematisierung des Umgangs mit jüdischen Patientinnen und Patienten. Hier wird deutlich, dass Jüdinnen und Juden nur aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit als „lebensunwert" galten. Die Schwierigkeit, aber nicht Unmöglichkeit des Widerstands gegen hierarchische Strukturen kann hier gut dargestellt werden.

Die Aktion „T4" nimmt einen weiteren Part ein. Die Taktik der Verantwortlichen wird in der Darstellung der hierarchischen Struktur, der Logistik und der betriebswirtschaftlichen Sichtweise dargestellt. Der Versuch der Geheimhaltung - trotz teilweiser Akzeptanz aus Kreisen der Bevölkerung - kann mit diesem Material gut heraus gearbeitet werden. Kurzbiographien von psychisch und körperlich Behinderten und politischen Häftlingen geben Informationen zu weiteren Opfern der NS-„Euthanasie".

Sehr gut aufbereitet ist die „Kindereuthanasie". Hier wird zudem die menschenverachtende Vorgehensweise im Umgang mit den Eltern sehr deutlich.

Ein weiteres Kapitel ist den Reaktionen der Evangelischen und Katholischen Kirche gewidmet. Täterschaft und Widerstand werden gleichermaßen dargestellt. Beeindruckend ist die Darstellung der Auswirkung dieses Widerstands mit einerseits Euthanasiestop und andererseits Weiterführung unter veränderten Vorgaben. Die dargestellte Strafverfolgung und Verurteilung verdeutlicht u.a. die Macht und Ohnmacht der Justiz damaliger Zeit im Spiegel der bestehenden Situation im Gesundheitswesen. Hervorzuheben ist auch die - wenn auch knappe - Thematisierung der Folgen für das Krankenpflegepersonal. 

Abschließend erfolgt eine kurze Abhandlung über die Situation der Psychiatrie heute mit Beispielen von Projekten zur Förderung des Verständnisses und der Akzeptanz für psychisch kranke Menschen. Abgerundet wird die Arbeitshilfe mit einer Zeittafel von 1920 bis 1945 und einem Literatur- und Medienverzeichnis.

Die vorliegende Arbeitshilfe eignet sich als gute Grundlage für die didaktische Konzeption des Unterrichts an weiterführenden Schulen und Fort- und Weiterbildungseinrichtungen.

Opfer von Zwangssterilisierungen und NS-„Euthanasie" in der Rheinprovinz. Eine didaktische Arbeitshilfe mit Dokumenten, Bildern und Texten für Schule und Bildungsarbeit. Erstellt von Kerstin Griese in Zusammenarbeit mit Regine Gabriel und Angela Genger. Herausgegeben von der Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Düsseldorf, 2001. Elke Hartig
<<Zurück zur Übersicht

Euthanasie-Verbrechen in Pirna-Sonnenstein
In der früheren Heil- und Pflegeanstalt PirnaSonnenstein sind zwischen dem 28. Juni 1940 und dem 24. August 1941 14.751 Menschen ermordet worden. Bis 1989 war über dieses Verbrechen des NS-Regimes in der Öffentlichkeit wenig bekannt.

Thomas Schilter, 1970 in Pirna geboren, hat maßgeblichen Anteil daran, dass dies heute anders ist. 1991 gehörte er zu den Gründern des „Kuratorium(s) Gedenkstätte Sonnenstein e.V.". Während seines im gleichen Jahr beginnenden Medizinstudiums an der Berliner Humboldt-Universität beschäftigte er sich umfassend mit den Euthanasie-Verbrechen des Dritten Reiches. Zum Gegenstand seiner Dissertation, die 1997 abgeschlossen wurde, wählte er „Die nationalsozialistische ,Euthanasie-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/ 41". Die Arbeit bildete die entscheidende Grundlage für das ein Jahr später publizierte Buch.

Auf einer fundierten Quellenbasis erfolgt die Darstellung in drei Hauptabschnitten:

- Von der Erfassung zur Tötung Geisteskranker in Deutschland,
- die Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein 1811-1939 und
- die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41.

An dem Ort, wo seit 1811 eine der führenden psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalten Deutschlands bestand, schuf die Nazi-Diktatur 1940 eine Stätte zur Ermordung kranker und alter pflegebedürftiger Menschen und zur Verbrennung der Leichen. Im Rahmen der „Aktion T 4" sind 1940/41 in Deutschland in sechs Tötungsanstalten 70.273 Menschen, chronisch psychisch Kranke, geistig Behinderte und Bewohner von Altenheimen, umgebracht worden, 13.720 davon in Pirna-Sonnenstein. Thomas Schilters Ziel ist es, die Herkunft der Ermordeten zu ermitteln. Für 9.125 (67 Prozent) gelingt dies. Sie kamen aus Sachsen, Thüringen, Franken und dem Sudetengebiet, wahrscheinlich auch aus Ostpreußen. Vorher waren sie Patienten bzw. Bewohner von staatlichen, kommunalen und konfessionellen Krankenanstalten und Altenheimen. Die größte Zahl der Morde fand im Frühjahr und Sommer 1941 statt (Mai 1941: 1.330, Juli 1941: 2.537). Hinzugekommen waren von April bis Juli 1941 1.031 Gefangene aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Buchenwald und Auschwitz, die hier vergast wurden. Es handelte sich um kranke und hinfällige Gefangene.

In dem Buch wird die Geschichte dieser grauenhaften Stätte des Massenmordes exakt wiedergegeben. Gleichzeitig sind weitreichende Informationen über die Opfer enthalten. Von den Toten waren 17,5 Prozent Kinder und Jugendliche bis zu 21 Jahren, älter als 50 Jahre waren 29,2 Prozent. Der Anteil an Frauen und Männern war fast gleich. Fast die Hälfte dieser Menschen hatte keinen Beruf. Zur Biographie einzelner Opfer gibt Schilter erste Auskunft, so z.B. über die Dresdner Malerin Elfriede Lohse-Wächtler, die am 12. August 1940 in Pirna umgebracht worden ist.

Bisher sind rund 5000 Opferakten aufgefunden worden.

Zu den Leistungen des Autors zählt auch, dass er die Täter, die verantwortlichen Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern und andere in Pirna-Sonnenstein zu dieser Zeit Beschäftigte vollständig identifizieren konnte. Detaillierte Aussagen wurden z.B. zur Biographie des verantwortlichen Leiters Dr. med. Horst Schumann getroffen.

Nach Schließung der Anstalt Pirna-Sonnenstein waren fast alle beteiligten im Rahmen der „Aktion Reinhard" bei der Organisation der Judenvernichtungslager in Polen, in Belzec, Sobibor und Treblinka, einzelne auch im KZ Auschwitz zum Einsatz gekommen. Versucht wird auch, zu verfolgen, wie sich nach 1945 die Wege der Täter vollzogen. Außerordentlich bedrückend ist, zu erfahren, dass nur wenige ihre gerechte Strafe erhalten haben. Die meisten konnten in Westdeutschland als „normale Bürger", teils sogar noch in denselben Berufen, arbeiten und leben. Eigentlich nur im „Dresdner Ärzteprozeß 1947" wurden den Verbrechen angemessene Urteile gefällt.Das hochwichtige Buch bietet für weitere Forschungen viele Anregungen.

Thomas Schilter: Unmenschliches Ermessen. Die nationalsozialistische „Euthanasie"-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41. Leipzig: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1998. Karl Heinz Jahnke
<<Zurück zur Übersicht

Musik in Konzentrationslagern
Die meisten derer, die in der Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslagern inhaftiert waren, kamen in irgendeiner Form mit Musik in Berührung. Wie vielfältig die Formen, Funktionen und Kontexte des Musizierens dort waren, zeigt Guido Fackler in seiner umfangreichen Studie „Des Lagers Stimme' - Musik im KZ.

Der 1936 in Achern geborene Autor kam erstmalig 1989 auf einem Wochenendseminar durch die Begegnung mit dem ehemaligen Hamburger „Swing-Boy" Günter Discher mit der Thematik in Kontakt. Seitdem stellte er umfangreiche Recherchen an und kam mit zahlreichen Personen und Institutionen zu dieser Materie in Berührung. Seine Magisterarbeit trägt den Titel: Jazz im KZ Theresienstadt; das vorliegende Buch wiederum ist die aktualisierte Fassung seiner 1997 in Freiburg im Br. vorgelegten Dissertation.

Der Titel „Des Lagers Stimme", einem Zitat von Primo Levi entnommen, verweist auf das Musizieren im Auftrag der Täter. Für ihre Vernichtungsziele bedienten sich die Nazis bewusst allgemeiner bekannter Symbole, hier dem Musikgut, um sie gegen ihre Opfer einzusetzen. Musik auf Befehl, das fremdbestimmte Musizieren, erklang auf Empfangszeremonien für Neuankömmlinge, beim Marschieren, Exerzieren, beim Strafsport, auf dem Weg von, während oder zur Arbeit. Musik erwies sich hier als Mittel der Disziplinierung, der Schikane sowie als Propaganda- und Herrschaftsinstrument. Vor allem jüdische Häftlingen zählten zu den Opfern von Demütigungen. So wurden sie beispielsweise im KZ Esterwegen beim morgendlichen Sonntagsappell gezwungen, unter dem Gejohle und Gelächter der Wachmannschaften hebräische Gebete aufzusagen und geistliche Lieder zu singen.

Auf der anderen Seite der Musik im KZ stand das selbstbestimmte Musizieren der Häftlinge mit ihren Ängsten, Hoffnungen und Protesten. Es basierte auf Freiwilligkeit und wurde bei Gottesdiensten und besonderen Kulturveranstaltungen ausgeübt. Bei privaten und konspirativen Anlässen wurde auch spontan musiziert und somit eigenständige, künstlerische Ausdrucksformen geschaffen. Das bekannteste Beispiel ist das Moorsoldatenlied. Fackler untersucht beispielsweise, in welchen Lagern sich die Voraussetzungen dafür besonders günstig gestalteten und inwieweit dort Traditionen der Jugend- und Arbeitermusikbewegung vorhanden waren.

Die untersuchte Zeitspanne von 1933 bis 1936 ergibt sich in erster Linie daraus, dass der Forschungsstand hierzu bisher dürftig ist und der Autor eine Lücke schließen möchte. Die spätere Phase der Konzentrationslager wird in ihren grundlegenden Zügen analysiert, ist aber nicht der Hauptgegenstand der Studie.

Der Autor untersucht die musikalischen Aktivitäten vor allem anhand der Wahrnehmungen und Erfahrungen der daran beteiligten Menschen, greift persönliche Zeugnisse auf, erleuchtet Zusammenhänge und rekonstruiert so den Lageralltag. Er unternahm hierzu Recherchen in Gedenkstätten und Archiven und untersuchte unter anderem Liederbücher, Veranstaltungsprogramme, Noten, Liedblätter und Briefe. Der Autor ist dem „volkskundlichen Forschungsansatz" verpflichtet. Dies bedeutet, dass der inhaftierte Mensch im Mittelpunkt der Untersuchung steht und aus einem kulturgeschichtlich und kulturanalytisch orientiertem Blickwinkel der Rahmenbedingungen die Formen und Ausprägungen des Musizierens im Lageralltag analysiert werden.

Wird die Studie auch über den Kreis der Fachkolleginnen und -kollegen hinaus Interesse finden? Für sein umfassendes Werk nimmt Fackler für sich in Anspruch, „das gesamte Spektrum des Musizierens in Konzentrationslagern zu dokumentieren und in seinen Grundzügen zu analysieren" (S. 29). Die Fakten und Erkenntnisse sind in Fußnoten ausführlich dokumentiert. Der umfangreiche Anhang enthält ein thematisch gegliedertes Literaturverzeichnis (nach den Rubriken Konzentrationslager, Liedsammlungen, Interpreten, Musikgattungen, etc.), ein nach Medien, Interpreten und Komponisten gegliedertes Verzeichnis der audiovisuellen Medien und ein Register mit Kategorien wie Lied, Musikinstrumente und Personen mit umfassenden Einzelnennungen und den dazugehörigen Seitenzahlen im Text. Dies erleichtert das Nachschlagen zu einzelnen Aspekten ungemein.

Und darin liegt m.E. der Verdienst dieser Studie: Sie vermittelt weniger einen Überblick für den Laien - dafür enthält sie zu viele Informationen, die auch nicht immer schlüssig gewichtet sind, sondern sich eher aus der vorhandenen Quellenbasis ergeben. Dagegen findet der wissenschaftlich vorgebildete Leser eine ausgezeichnete Basis für möglicherweise neue Schwerpunkte bei Forschungsvorhaben, oder er kann sich punktuell zu verschiedenen Aspekten des Musizierens im Konzentrationslager fundiert kundig machen.

Guido Fackler: „Des Lagers Stimme" - Musik im KZ. Alltag und Häftlingskultur in den Konzentrationslagern 1933 bis 1936. Bremen: Edition Temmen, 2000. Cornelia Pieroth
<<Zurück zur Übersicht

Werte gegen Gewalt
Die Autorin war von Mai 1943 bis Oktober 1944 Häftling des Frauen-KZ Auschwitz-Birkenau und bis zur Befreiung in einem Außenlager des KZ Flossenbürg. Nach der Rückkehr in die Heimat studierte sie Soziologie und schlug die akademische Laufbahn ein. „Werte gegen Gewalt" erschien 1973, wurde 1995 neu aufgelegt und ist durch die vorliegende Übersetzung auch der deutschen Leserschaft zugänglich geworden. Ein editorisch-biographisches Nachwort, eine Vielzahl neu eingefügter Anmerkungen und ein ausführliches Literaturverzeichnis, alles Arbeiten des Übersetzers, verleihen der deutschen Ausgabe zusätzlichen Wert.

Anna Pawelczynska sieht im nationalsozialistischen KZ eine „staatliche kriminelle Institution", in der mit terroristischer Gewalt ein „soziales Experiment" durchgeführt wurde mit dem Ziel, „die Akzeptanz der Gewalt als höchsten Wert" zu bewirken und den „passiven Gehorsam ganzer Gesellschaften" zu erzwingen. In Bezug auf die Deutschen sieht sie das „Experiment" als weitgehend gelungen, in Bezug auf die Völker in den besetzten Gebieten jedoch nur insoweit, als es gelang, „den Apparat des Massenmordes in Gang zu setzen".

Nach einer Schilderung der Lebensbedingungen der Häftlinge (wobei Auschwitz-Birkenau den Hintergrund abgibt) beschreibt sie die Mechanismen der Herrschaft im KZ, sowohl innerhalb der SS als auch gegenüber den Häftlingen, wobei sie bei diesen scharf zwischen Helfershelfern der SS und den gewöhnlichen Häftlingen differenziert. Besonderen Wert legt sie auf eine Analyse der Methoden der SS, die Bildung informeller Gruppen unter den Häftlingen zu stören: durch Schüren nationaler Gegensätze, durch Gewähren und Entzug von Privilegien, vor allem aber durch eine ständige Binnenmigration innerhalb des Lagerkomplexes sowie zwischen den Lagern des KZ-Systems als Ganzem.

Als ehemalige Angehörige des (organisierten) Lagerwiderstandes untersucht Pawelczynska aber auch die Mechanismen, die es dem Häftling ermöglichten zu überleben. In einer Welt, in der alle außerhalb des KZs geltenden, traditionellen Werte dysfunktional schienen, waren es aber gerade diese - Brüderlichkeit, Solidarität, Hilfe für die Schwachen -, die es in einer Dialektik von Geben und Nehmen Helfern wie Geholfenen gleichermaßen erlaubten, zu widerstehen und den Tag der Befreiung zu erleben, des Triumphs der Werte über die Gewalt. Dadurch, dass die Autorin in der Neuauflage 1995 den ursprünglichen Text belassen und nur durch ein - höchst lesenswertes - Nachwort ergänzt hat, ist das Buch als authentisches Dokument seiner Zeit erhalten geblieben. Zeit- und schichtbedingt weist es aber auch Schwächen auf, etwa die undifferenzierende Gleichsetzung von Homosexuellen mit „Sexualtätern" oder „Päderasten" oder die abwertend gebrauchte Formulierung, einige weibliche Häftlinge, „Prostituierte" , hätten im KZ „ihren Beruf fortgesetzt". Auch die Schilderungen von der Geschlossenheit des polnischen Volkes, in dem es keine Kollaboration mit dem Besatzer gegeben und die humanitären Werte Allgemeingut gewesen seien, geben ein allzu idealisierendes Bild von der Wirklichkeit. Zu bedauern sind auch sprachliche Mängel der Edition. Das zuweilen recht holprige Deutsch erschwert die Lektüre, und gelegentlich erschließt sich der Sinn eines Satzes erst nach mehrmaligem Lesen.

Dennoch ist „Werte gegen Gewalt" gerade für deutsche Leserinnen und Leser ein wichtiges Buch. Denn das real existierende Auschwitz war eine deutsche Einrichtung, geschaffen als Instrument der terroristischen Repression gegen das polnische Volk in seiner Gesamtheit. Im Nachkriegspolen, das mit 70-75.000 (nichtjüdischen) Landsleuten die zweitgrößte Opfergruppe dieses KZs zu beklagen hatte, spielte (und spielt) Auschwitz eine wichtige Rolle im Prozess politischer Bewußtseinsbildung. Wer Pawelczynskas Buch gelesen hat, wird besser verstehen, warum das Trauma „Auschwitz" noch heute - und sicher noch auf lange Zeit hinaus - das Verhältnis Polens zu seinem westlichen Nachbarn belastet. Dennoch verharrt die Autorin nicht in Pessimismus, sondern sieht in der Erfahrung des KZs auch begründeten Anlass, „die beharrliche und schwierige Hoffnung zu hegen, dass die Welt zwar erneut an einem Abgrund steht, dass aber einzig der Mensch sie erretten kann" (aus dem Nachwort).

Anna Pawelczynska: Werte gegen Gewalt. Betrachtungen einer Soziologin über Auschwitz. Aus dem Polnischen von Jochen August. Oswiecim: Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, 2001. Joachim Neander
<<Zurück zur Übersicht

Vertreibung der Juden aus Pommern
Die Kenntnis der Geschichte der Juden in den einzelnen Ländern und Provinzen ist unterschiedlich. Zu den weniger erforschten Gebieten zählte bis vor kurzem die Provinz Pommern. Dass sich dies im letzten Jahrzehnt verändert hat, ist das Verdienst des Historikers Prof. Dr. Wolfgang Wilhelmus. Nachdem er 1991 seine Arbeit an der Greifswalder Universität beenden musste, wurde die Geschichte der Juden in Pommern mit dem Schwerpunkt Folgen des Holocaust zum zentralen Anliegen seiner Forschung. Von Wilhelmus stammen mehrere Buchpublikationen zu dieser Thematik.

Seit dem Herbst 2001 liegt der Band „Flucht oder Tod. Erinnerungen und Briefe pommerscher Juden" vor. Das Buch enthält 38 Erinnerungsberichte, die von 16 Frauen und 24 Männern stammen. Alle mussten zwischen 1933 und 1940 ihre Heimat verlassen. Sie fanden direkt oder auf Umwegen in Palästina, den USA, Großbritannien und Schweden Aufnahme. Einzelne konnten sich auch in Südamerika, China, den Niederlanden und in der Sowjetunion niederlassen. Die Berichte geben Einblick in das jüdische Leben in folgenden Orten Pommerns: Bärwalde, Bublitz, Cammin, Greifswald, Naugard, Nörenberg, Pasewalk, Schivelbein, Schlawe, Simötzel, Stettin, Stolp und Stralsund.

Hervorgehoben seien die Angaben einzelner Rabbiner. Sie enthalten interessante Details über das jüdische Leben in Nazideutschland. Als Beispiel sei Dr. Karl Richter genannt. Er erhielt Anfang 1935 am jüdisch-theologischen Seminar in Breslau sein Rabbinerdiplom. Die erste Berufung führte ihn als Bezirksrabbiner nach Pommern mit Sitz in Schivelbein. Mit 25 Jahren übernahm er dann am 1. Februar 1936 die Aufgabe als Rabbiner in der größten jüdischen Gemeinde Pommerns in Stettin. Seine letzte Station vor der Ausreise in die USA war von Januar 1938 bis April 1939 Mannheim.

Wie aus der Literatur bekannt ist, sind auch für dieses Territorium die Zäsuren des Naziterrors gegenüber den Juden 1933, 1935, 1938 und 1942 deutlich erkennbar. Besondere Beachtung verdienen die Texte, in denen über die erste Massendeportation deutscher Juden in Ghettos nach Polen berichtet wird. Sie fand am 12./13. Februar 1940 in Stettin statt und erfasste 1.200 Männer, Frauen und Kinder. Als einziger der im Februar 1940 deportierten männlichen Stettiner Juden überlebte der Arzt Dr. Erich Mosbach. Er war zusammen mit seiner Frau Vera und der Tochter Eva nach Polen verschleppt worden. Stationen ihres Leidensweges waren die Orte Bychowa, Belzyce und Budzyn. Überall arbeitete Dr. Mosbach als Arzt, und seine Frau stand ihm als Krankenschwester zur Seite. Im Oktober 1943 wurden sie getrennt. Der Vater kam in das Lager Groß-Rosen und später in das KZ Buchenwald. Wie ein Wunder überlebten er und seine nächsten Angehörigen. Vera und Eva Mosbach gelangten über das KZ Auschwitz in das KZ Ravensbrück. Ihre Befreiung erfolgte auf dem Todesmarsch nahe Neubrandenburg.

Die im letzten Teil des Buches „Briefe aus dem Ghetto" aufgenommene Post von Cläre Silbermann aus den Jahren 1940 bis 1943 gibt Einblick in die Situation pommerscher Juden in den Lagern Belzyce und Trawniki im Bezirk Lublin.

Derartige Dokumente sind in dem Buch eine Ausnahme. Meist erfährt der Leser Näheres über die Schwierigkeiten der Ausreise aus Deutschland und den schweren Anfang in den Ländern, die sie aufnahmen. Manche Schilderungen reichen bis in die Gegenwart, geben Einblick in das Leben in der neuen Heimat und dem Verhältnis zu Deutschland. Das Buch enthält auch aufschlussreiche Informationen zum jüdischen Schulwesen in Hitlerdeutschland und im polnischen Ghetto.

Angekündigt ist als weitere Veröffentlichung von Wilhelmus eine „Geschichte der Juden in Pommern" - der Leser kann darauf gespannt sein.

Wolfgang Wilhelmus: Flucht oder Tod. Erinnerungen und Briefe pommerscher Juden über die Zeit vor und nach 1945. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2001. Karl Heinz Jahnke
<<Zurück zur Übersicht

Sozialdisziplinierung im Arbeitszwangslager
Gabriele Lotfi hat in detektivischer Kleinarbeit eine wichtige Untersuchung zu den fast den unbekannten „Konzentrationslagern der Gestapo„ erarbeitet. Für die Autorin besteht „kein Zweifel", daß der Begriff Arbeitserziehungslager als „Synonym für KZ" (S. 74) zu gebrauchen ist. Die Historikerin hat - mit dem Schwerpunkt rheinisch-westfälisches Industriegebiet - die Entstehung, Funktion und Bedeutung der Arbeitserziehungslager untersucht. Die der Geheimen Staatspolizei unterstehenden rund 200 Terrorstätten schlossen eine Lücke zwischen polizeilichen Gefängnissen und den Konzentrationslagern der SS.

Spezifikum der Arbeitserziehungslager ist, dass sie auf regionalen Allianzen von rüstungsindustriellen Unternehmensführungen sowie in die Bestrafung eingebundenen Arbeitsbehörden mit den örtlichen Staatspolizeien basierten. Die „Arbeitserziehungshaft" wurde neben der Vorbeugehaft sowie der Schutzhaft die dritte Kategorie der Präventivhaft im nationalsozialistischen Deutschland. Sie kam den Interessen der Betriebsführer sehr entgegen, welche die totale Verfügbarkeit über die Arbeitskraft ihres „vertragsbrüchigen" Personals beanspruchten und großen Wert darauf legten, die staatspolizeilich Disziplinierten nach der „Arbeitserziehung" selbst wieder in ihrem Betrieb ausbeuten zu können. Die Lager befanden sich deshalb meist in der Nähe der Produktionsstätten und wurden - unter dem Kommando der regionalen Staatspolizei - häufig sogar von den Betrieben unterhalten. Diese stellten oft das Wachpersonal bzw. engagierten Wach- und Schließgesellschaften. Die „Arbeitserziehung" bestand in der Regel in körperlich schweren Steinbruch-, Erd- und Tiefbauarbeiten.

Die Geschichte der staatspolizeilichen Sonderlager - abgesehen von einigen Vorläufern - beginnt im August 1940 in Hunswinkel in der Abgeschiedenheit des Sauerlandes. Hier entstand - erst in der Verantwortung der Staatspolizeistelle Dortmund bzw. kurz darauf bei der Staatspolizeileitstelle Düsseldorf angesiedelt - die erste ausdrücklich als Arbeits- und Erziehungslager bezeichnete regionale Terroreinrichtung. Die Haftdauer sollte zunächst sechs Wochen betragen und wurde bald willkürlich heraufgesetzt. In diesem und anderen Arbeitserziehungslagern konnten die in der Rüstungsindustrie häufig berufsfremd beschäftigten Arbeiter diszipliniert werden, die den wachsenden Arbeitsbelastungen durch individuelle Ohnmachtshandlungen entfliehen wollten.

Die häufig jugendlichen Arbeiter „blieben unentschuldigt ihrer Arbeit fern, produzierten vermehrt Ausschuss oder legten die Produktion durch Sachbeschädigungen vorübergehend lahm. Immer häufiger kam es auch zu tätlichen Angriffen einzelner Arbeiter auf Meister oder Vorarbeiter." (S. 312) Die Anzeigen gegen Deutsche gingen vielfach auf Denunziationen der Betriebsführungen und betrieblicher Nazis zurück, während sie bei den „fremdvölkischen" Ausländern in der Regel durch die Personalabteilungen der Industrieunternehmen, Bahn- und Ortspolizeibehörden sowie der Kriminalpolizei erfolgten. „Hinter zahlreichen Einweisungsanträgen [...]standen auch innerbetriebliche Auseinandersetzungen, Konflikte zwischen Arbeitern und Vorgesetzten entzündeten sich nicht nur an verweigerten Urlaubstagen oder Dienstverpflichtungen, sondern auch an unangekündigten Überstunden, betrieblichen Strafen oder polemischen Beschuldigungen langsamer Arbeiter als ,Saboteure'. Krankmeldungen wurden von Betriebsführern und Meistern teilweise als bewusste Provokation aufgefaßt:' (S. 134) Nicht wenige Unternehmen benutzten die Gestapo, um kranke Arbeitskräfte abzuschieben. „Die Folge war, dass etliche der eingelieferten Kranken die Lagerhaft nicht überlebten:' (S. 135)

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges verfügte fast jede Staatspolizei(leit)stelle über mindestens ein eigenes Arbeitserziehungslager. Die im Anhang wiedergegebene Karte mit den Standorten belegt dies nachdrücklich. Gegen Kriegsende sind die inzwischen der Sicherheitspolizei unterstellten etwa 40.000 Gefangenen in überfüllten Lagern untergebracht gewesen, deren Personal völlig überfordert war: „In allen Lagern herrschte ein menschenverachtender, paramilitärischer Drill. Die äußeren Überlebensbedingungen verschlechterten sich im Verlauf des Krieges infolge fehlender Hygiene und mangelnder Versorgung sowie unzureichender Ernährung zusehends:' (S. 320)

Die nationale Zusammensetzung der Häftlinge variierte je nach Zeitpunkt und Standort.In der Grenznähe zu den Niederlanden und Belgien handelte es sich häufiger um „Arbeitsflüchtige", die in ihre Heimat zurück wollten, im Binnenland waren es eher Deutsche, wie zunächst in Hunswinkel. Die Vernichtungspolitik der Gestapo, die sich anfänglich meist gegen Deutsche gerichtet hatte, erfasste Polen und Russen ebenso wie jüdische oder „halbjüdische" Männer aus Mischehen, die wegen geringfügiger Vergehen festgenommen worden waren.

Seit 1942/43 mutierten die Arbeitserziehungslager zu Hinrichtungsstätten der Geheimen Staatspolizei: In den letzten Monaten des Krieges häuften sich sadistische Exzesse bis hin zu mehrfachen Massenexekutionen, denen mehrheitlich Ausländer zum Opfer fielen. „Waren die Gestapomitarbeiter schon in der Vorkriegszeit Ermittler und Richter in einer Person, wurden sie während des Krieges in zunehmendem Maße auch zu Vollstreckern:' (S. 97) An den Endphasenverbrechen beteiligten sich viele Schutzpolisten und Gendarme, und deshalb kommt Lotfi zu der Erkenntnis: „Die Polizei als wichtigstes Exekutivorgan eines verbrecherischen Staates lässt sich nicht in eine unbeteiligte gute und eine allein schuldig belastete Sparte unterteilen:' (S. 324)

Zum Schluss faßt die Historikerin ihre quellengesättigte und innovative Untersuchung in der Feststellung zusammen: „Die Arbeitserziehungslager wucherten von unten in das verbrecherische Lagersystem der SS hinein, wo sie sich jenseits der Justiz und unabhängig von den Konzentrationslagern als dritte eigene Repressionsebene der Sicherheitspolizei etablierten:' (S. 325)

Gabriele Lotfi: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich. Mit einem Vorwort von Hans Mommsen. Stuttgart/München: Deutsche Verlagsanstalt, 2000. Kurt Schilde
<<Zurück zur Übersicht

Frauen gegen Hitler
Die Frauen und Männer des Widerstandes gegen den Hitlerfaschismus dürfen nicht vergessen werden. Heute ist die Gefahr dafür ziemlich groß. Jeder Versuch, dem zu begegnen, ist begrüßenswert. 

Das Interesse für derartige Literatur ist in der Öffentlichkeit vorhanden. Dies zeigt die Aufnahme des jüngsten Buches von Martha Schad. Es ist überall in den Buchhandlungen zu finden, und es gab zahlreiche gut besuchte Lesungen. Im Zentrum des Buches stehen dreizehn Frauen, elf Deutsche und zwei Amerikanerinnen, die Widerstand gegen das Dritte Reich geleistet haben. Sechs von ihnen sind deshalb hingerichtet worden: Hilde Coppi, Mildred Fish-Harnack, Lilo Herrmann, Sophie Scholl, Elfriede Scholz und Elisabeth von Thadden. Sieben andere überlebten in Deutschland bzw. im Exil: Lagi Gräfin von Ballestrem, Marion Gräfin Dönhoff, Bella Fromm, Lina Haag, Constanze Hallgarten, Hanna Solf und Dorothy Thompson. Alle diese Frauen verdienen wegen ihres Einsatzes gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und die von Deutschland ausgehenden Kriegsverbrechen Anerkennung und Achtung. Gleiches gilt für die Frauen, die im März 1943 in Berlin, in der Rosenstraße, gegen die Deportation ihrer jüdischen Männer protestierten, und für die Frauen der Männer des 20. Juli 1944. Über beide Gruppen berichtet die Autorin.

Für den an der Thematik Interessierten wird manch Neues geboten, für den Forscher zu diesem Gegenstand weniger. Dies hängt damit zusammen, dass Martha Schad keine neuen eigenen Untersuchungen führte, sondern sich auf die oft sehr zerstreut vorliegende Litera­tur stützte. Darüber hinaus hat sie mit den wenigen noch lebenden Zeitzeugen Interviews geführt bzw. korrespondiert. Das weitgehend Bekannte ist klug ausgewählt und in anschauli­chen Bildern wiedergegeben.

Das Buch macht auch auf offene Felder und Lücken aufmerksam. Wie in manch anderen Publikationen stimmen die gewählten Propor­tionen nicht mit der Realität des Widerstandes zwischen 1933 und 1945 überein. Mehr als drei Viertel des Textes beanspruchen Biogra­phien von Frauen aus dem Bürgertum und dem Adel. Für den organisierten politischen Wider­stand aus der Arbeiterbewegung stehen nur vier Frauen, die alle aus dem kommunistischen Widerstand kommen. Keine Frau aus der Sozialdemokratie, den Gewerkschaften und anderen sozialistischen Vereinigungen fand Aufnahme. Es bleibt nur bei knappen Exkursen in anderen Hauptbeiträgen. 

In dem Teil „Widerstand im Alltag" ist nur über eine Frau, die Schneiderin Elfriede Scholz, berichtet. Es handelt sich um die Schwester des Schriftstellers Erich Maria Remarque, die am 16. Dezember 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden ist. Eine Kundin hatte sie wegen Äußerungen gegen den Krieg denunziert. Hier wäre mehr möglich gewesen. Es fehlen Texte über den Widerstand von Deutschen und Ausländerinnen in der Rüstungsindustrie, in Konzentrationslagern oder auch von Hilfeleistungen für Verfolgte sowie ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. 

Das Buch ist nicht frei von Überhöhungen bzw. Verzerrungen des Gesamtbildes. Wiederholt sind aus der Literatur übernommene Angaben zu wenig hinterfragt und kritisch geprüft worden. Verschiedentlich wird der Umfang des Widerstandes überschätzt. Es beginnt im Vorwort, wo ohne entsprechenden Beleg behauptet wird, daß fast 1.100 Frauen in der NS-Zeit hingerichtet worden sind.

Widerspruch ruft auch der Versuch einer Definition des Widerstands hervor: „Die Widerstandsdefinition lautet heute: Unter Widerstand wird jedes aktive und passive Verhalten verstanden, das die Ablehnung des NS-Regimes oder eines Teilbereichs der NS-Ideologie erkennen lässt und mit gewissen Risiken verbunden war." (S. 8) Das Buch ist insgesamt für die Widerstandsforschung anregend und stellt zugleich eine Herausforderung dar.

Martha Schad: Frauen gegen Hitler. Schicksale im Nationalsozialismus. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2001. Karl Heinz Jahnke
<<Zurück zur Übersicht

Zur politischen Ökonomie des Holocaust
Unter dem anspruchsvollen Titel sind dreizehn Beiträge von elf Historikern und zwei aktiven Diplomaten zum Thema „Arisierung" und „Wiedergutmachung" versammelt, hervorgegangen aus einer Vortragsreihe an der Universität Wien. Schwerpunkt ist Österreich, vom „Abschluß" im März 1938 bis zum Abschluß der Verhandlungen über „Holocaust assets" im Frühjahr 2001. US-BotschafterJames D. Bindenagel beschreibt deren Procedere und macht vor allem deutlich, welche wirtschaftlichen und politischen Interessen die USA dazu bewogen hatten, die Rolle des „ehrlichen Maklers" zu übernehmen. Brigitte Bailer-Galanda gibt einen informativen Überblick über die juristischen, innen- und außenpolitischen Kontroversen in der ersten Phase der Wiedergutmachungsgesetzgebung Österreichs bis Anfang der sechziger Jahre.

Hans Winkler, Beamter im österreichischen Außenministerium, macht die regierungsoffizielle Linie deutlich: Österreich war das erste Opfer Hitler-Deutschlands und ist demnach für alle vom Dritten Reich verursachten Schäden nicht verantwortlich; Rechtsansprüche ehemaliger Zwangsarbeiter bestehen weder gegen den österreichischen Staat noch gegen österreichische Firmen; was Vermögensschäden durch „Entjudung" anbetrifft, hat Österreich längst alle Verpflichtungen erfüllt. Wenn sich Österreich dennoch im Rahmen der Verhandlungen 2000/2001 zu Zahlungen bereiterklärt hat, so erfolgen diese „freiwillig", „aufgrund einer moralischen Verantwortung" (S. 279), vor allem aber, damit endlich „für die österreichische Wirtschaft auch Rechtsfrieden, „legal closure" herrsche (S. 287).

Die These von „Österreich als erstem Opfer" wird von Günter Bischof gnadenlos zerpflückt. Er deckt die zu ihrer Konstruktion verwendeten eschichtsklitterungen auf (insbesondere das Verschweigen des hohen Anteils der „Ostmärker" an den NS-Verbrechen) und legt überzeugend dar, wie dieser „Gründungsmythos" die politische Kultur der Zweiten Republik geformt hat. Vergleiche mit anderen Staaten, die ebenfalls eine diktatorische Vergangenheit „bewältigen" mussten, lassen Parallelen, aber auch Alternativen erkennen. Auch Dieter Stiefel tritt der „Opferthese" entschieden entgegen. Für den Österreicher als homo oeconomicus par excellence habe stets die Wahrung des wirtschaftlichen und politischen Eigeninteresses Priorität besessen, und mit einer gehörigen Portion Opportunismus habe er den Wandel des politischen Systems sowohl 1938 als auch 1945 im wesentlichen unbeschadet überstanden. Mit Daten und Zahlen belegt Gerhard Botz, wie die „Arisierung" der österreichischen Wirtschaft in einzelnen Etappen ablief und nennt Gewinner und Verlierer mit Namen. Seiner Schlußfolgerung, die Vertreibung und Enteignung der Juden durch die Nazis sei in ihren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Folgen nur mit der Gegenreformation zu vergleichen (S. 52), dürfte kaum zu widersprechen sein.

Die übrigen Beiträge des Sammelbandes beleuchten, zum Teil sehr detailliert, einzelne Aspekte der „Arisierung" und „Wiedergutmachung", wobei einige auch das „Altreich" bzw. Westdeutschland mit einbeziehen. Insgesamt bietet der vorliegende Band eine allgemein verständliche Einführung in das Kapitel „Arisierung in der Ostmark" und in die spezifisch österreichische Variante des Versuchs, die Nazi-Vergangenheit materiell zu „bewältigen". Eine „Politische Ökonomie des Holocaust" jedoch, verstanden als theoretisch fundierte, empirisch abgesicherte, politik- und sozialgeschichtlich orientierte volkswirtschaftliche Analyse des nationalsozialistischen Genozids an den Juden Europas, muß erst noch geschrieben werden.

Dieter Stiefel (Hg.): Die politische Ökonomie des Holocaust. Zur wirtschaftlichen Logik von Verfolgung und „Wiedergutmachung". München: R. Oldenbourg, 2001. Joachim Neander
<<Zurück zur Übersicht

NS-Bürokratien
Die „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus" - hervorgegangen aus den „Beiträgen zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik" - sind eine interessante und der kritischen NS-Geschichtsschreibung verpflichtete Publikationsreihe, seit Heft 16 mit dem neuen Namen und einem neuen Kreis für die Herausgabe: Christoph Dieckmann, Christian Gerlach, Wolf Gruner, Anne Klein, Beate Meyer, Armin Nolzen, Babette Quinkert und Thomas Sandkühler. In Heft 17 werden nationalsozialistische Verwaltungsbehörden in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Es wird versucht, das auf Franz Leopold Neumann („Behemoth") zurückgehende polykratische Erklärungsmodell zu überprüfen. Gegenstand der Untersuchungen sind Politikfelder, die nicht unmittelbar der Vernichtungspolitik zuzuordnen sind, beispielsweise die Stadtverwaltung von Frankfurt am Main.

Monica Kingreen untersucht, wie der damalige Oberbürgermeister zusammen mit weiteren leitenden Kommunalbeamten vielfältige Initiativen ergriff, um jüdisches Eigentum zugunsten der Stadt und zum Vorteil für deren Renommee möglichst billig und am besten kostenlos zu „erwerben": „Die seltene Gelegenheit mußte beim Schopfe gefaßt werden." (S. 30) Die Kommune „arisierte" Häuser, Grundstücke, Bücher, Gemälde, Schmuck, Münzen, religiöse Kultgegenstände sowie Mobiliar und vereinnahmte jüdische Stiftungen. Um die „städtischen Raubzüge" (S. 42) effektiv zu organisieren, wurde ein „Beauftragter für die Verwendung beschlagnahmter Judenwohnungen und Judenhäuser"' installiert. Während des Krieges reisten mit städtischen Sondermitteln ausgestattete Kommunalbeamte überdies in von der deutschen Wehrmacht „eroberte" Länder, um auch dort jüdisches Eigentum günstig aufzukaufen. Ergänzend setzt sich Kingreen mit den Rechtfertigungslegenden auseinander, die sich aus personellen Kontinuitätslinien ergaben. Sie faßt ihre innovative Studie in dem Satz zusammen: „Die Rolle der Stadt als skrupeloser Profiteurin an der Vertreibung und Vernichtung ihrer jüdischen Bürger wird nicht wahrgenommen:' (S. 44)

Weiterhin befassen sich Kiran Klaus Patel mit dem auf den Freiwilligen Arbeitsdienst der Weimarer Republik zurückgehenden nationalsozialistischen Arbeitsdienst für Männer und Martin Moll mit der Abteilung Propaganda im Oberkommando der Wehrmacht. Deren aus Medienberufen stammende Profis setzten nach 1945 ihre Karriere fort, ob es sich um Lothar Günther Buchheim oder Werner Höfer, Henry Nannen oder Ernst Jünger handelte. In diesem Beitrag hat sich leider eine fehlerhafte Seite „eingeschlichen".

Markus Leiniger stellt in seiner Arbeit über die Volksdeutsche Mittelstelle dar, wie die dem Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums Himmler zugehörige Behörde mehr als 1.500 Lager im Deutschen Reich verwaltete. In ihnen wurden die „heimgeholten Volksdeutschen" beherbergt. Die zugleich staatliche und parteiamtliche Bürokratie holte bis Ende 1942 über eine halbe Million Menschen aus ihrer alten Heimat „heim ins Reich". Bei der Beschaffung von Lagerkapazitäten erwies sie sich als sehr effektiv, aber bei der Lagerverwaltung und Betreuung der „Umsiedler" herrschte hingegen oft Chaos und Dilettantismus.

Sehr interessante Erkenntnisse enthält weiterhin der Aufsatz von Jan Erik Schulte über das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt. Der Historiker demonstriert eindrücklich, welche herausragende Bedeutung Verwaltungsfachleute für das Funktionieren einer nationalsozialistischen Sonderverwaltung besaßen: Hier agierten keine „alten Kämpfer" oder fanatische Nazis, sondern speziell aus Militär oder Wirtschaft stammende bürokratieerfahrene Soldaten und Polizeibeamte sowie akademisch gebildete Juristen nach traditionellen bürokratischen Verwaltungsnormen. Nach diesen Kriterien prüften die „soldatischen Beamten" das Finanzgebaren von SS-Stellen ebenso genau, wie die „Verwertung" des den ermordeten jüdischen Menschen geraubten Eigentums. In diesem Sinne ebenso „effektiv" bauten sie SS-Wirtschaftsunternehmungen auf und verwalteten die Konzentrations- und Vernichtungslager: „Sie versuchten die übernommenen Aufgaben bestmöglich und effizient abzuschließen" (S. 173), und sie waren „typische Vertreter bürokratischer Apparate." (S. 174)

Im Mittelpunkt des Beitrages von Ralf Blank steht - beispielhaft für Westfalen-Süd untersucht - die Sonderverwaltung des im Zweiten Weltkrieg geschaffenen „Reichsverteidigungskommissars". Diese Funktion wurde 1942 in Personalunion allen Gauleitern übertragen. Damit vereinigten sich auch hier staatliche und parteiamtliche Aufgaben in einer Person und einer Verwaltung. Blank kommt zu dem Ergebnis, dass es dem biographisch dargestellten Reichsverteidigungskommissar Albert Hoffmann - im Gegensatz zu der zunehmend gelähmten staatlichen und kommunalen Verwaltung - gelang, die Versorgung der Bevölkerung, deren Schutz vor Bombenangriffen und die Trümmerbeseitigung effektiv zu organisieren. Sein Wirken hatte wenig Konsequenzen: Der im Oktober 1945 verhaftete und 1948 zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilte Hoffmann kam 1950 vorzeitig frei und ist als vermögender Kaufmann 1972 gestorben.

Die in den „Beiträgen" vorgestellten Befunde zeigen eine grundsätzliche Anpassungsbereitschaft der Verwaltungsbeamten, die sich als Vollstrecker der Interessen ihrer jeweiligen Behörden verstanden. An diese Feststellung anknüpfend ist in Zukunft zu fragen, ob sich dahinter eine vom politischen System unabhängige Anpassungsbereitschaft verbergen könnte. Zur Beantwortung dieser und weiterer Fragen bedarf es noch vieler Forschungsaktivitäten, wie die beiden für dieses Heft Verantwortlichen Wolf Gruner und Armin Nolzen in Editorial betonen: „Es müssten die personelle Struktur des Behördenapparates und die biographische Sozialisation des Personals untersucht werden, außerdem deren handlungsleitende Motive und Interessen." (S. 13) Damit würde auch die individuelle Verantwortung der Einzelnen stärker in den Blickpunkt der Forschung zu nehmen sein.

Ein sehr wichtiger Bestandteil der „Beiträge" sind Fundstücke. In dieser Ausgabe präsentiert Herbert Ruland unbekannte Fotografien nach dem Novemberpogrom 1938 in Aachen. Darüberhinaus gibt es 18 teilweise sehr ausführliche Rezensionen und ein Personenregister.

Wolf Gruner, Armin Nolzen (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus Heft 17: Bürokratien. Initiative und Effizienz. Berlin: Assoziation A, 2001. Kurt Schilde
<<Zurück zur Übersicht

Zeugen Jehovas im KZ Dachau
Lange Jahren galten die Zeugen Jehovas als „vergessene Opfer" der NS-Verfolgung. In der Tat befassten sich Historiker erst sehr spät mit dem Verfolgtenschicksal dieser Häftlingsgruppe im Nationalsozialismus. Mittlerweile jedoch ist Detlef Garbes Standardwerk „Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im Dritten Reich" (München: Oldenbourg Verlag 1999) in der vierten Auflage erschienen, wie auch andere wissenschaftliche Publikationen zum Thema in den letzten Jahren mehrere Auflagen erlebten und somit beispielhaft für das erwachte Interesse an der NS-Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas stehen. 

Aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ waren in den letzten Jahren Veränderungen zu verzeichnen. So erschien eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten zu den unterschiedlichsten Aspekten dieser Verfolgungsgeschichte; eine Darstellung der Zeugen Jehovas als Häftlingsgruppe in den KZ blieb jedoch ein Desiderat, zumal Einzelstudien über diese Verfolgtengruppe in den jeweiligen KZ bislang fehlten. Zumeist fanden die Zeugen Jehovas nur eine kurze Erwähnung in den Überblicksdarstellungen zu einzelnen KZ (vgl. Kirsten John-Stucke: "Mein Vater wird gesucht ..." - Häftlinge des Konzentrationslagers in Wewelsburg, Essen: Klartext Verlag, 2001) oder in speziellen Aufsatzsammlungen (vgl. Hans Hesse (Hg.): „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas". Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Bremen: Edition Temmen, 2000). Für die Zeuginnen Jehovas liegt mittlerweile eine Schilderung für die Frauenkonzentrationslager Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück vor (Hans Hesse/Jürgen Harder: Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müsste ... Die Zeuginnen Jehovas in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück. Essen: Klartext Verlag, 2001). Von daher ist es zunächst nur zu begrüßen, dass Klein mit seinem Buch über diese Häftlingsgruppe im KZ Dachau einen ersten Beitrag zur Schließung dieser Lücke leistet. Klein, Mitarbeiter der Gedenkstätte KZ Dachau, legt nach eigenen Angaben eine „Sammlung meist.bereits bekannter und in weiter Streuung publizierter Berichte" (S. 9) vor, die er durch wenige neurecherchierte Angaben ergänzt. Er will weniger eine wissenschaftliche Studie für Historiker vorlegen, als vielmehr „nachfolgende Generationen emotional betroffen machen, sie zum Nachdenken bringen, dazu herausfordern, ihren eigenen derzeitigen ethischen Standpunkt genau zu untersuchen" (S. 9). Das mag erklären, warum der Autor seine Darstellung mit einem Kapitel beginnt, das er „Zwischen den großen Kriegen" nennt. Zu schablonenhaft versucht der Autor hier, die geschichtlichen Hintergründe des Entstehens des Nationalsozialismus zu skizzieren. Die arg verkürzte Darstellung führt zu plakativen Sätzen wie: „Auf religiössittlichem Gebiet führten die negativen Entwicklungen in Deutschland zu einem gewissen Werteverfall:' Viele Menschen hätten ihre „geistige Orientierung verloren, weil sie an den alten Werten und Sinngebungen zweifelten:' Deshalb habe „nun ein unbekümmerter, vergnügungssüchtiger Zeitgeist um sich" gegriffen, „der sich in ihren sinkenden Moralbegriffen niederschlug" (S. 16). Allzu durchsichtig ist dann die weitere Behauptung, dass „andere, gläubige Menschen [...] von den großen Glaubensgemeinschaften enttäuscht" waren, „die den Großen Krieg' unterstützt hatten und [...] nun nach einem Halt in den Worten der Bibel" suchten (S. 16). Damit ist dann der Boden für die Darstellung der Geschichte der Zeugen Jehovas von den Anfängen in Deutschland bis zum Ende des NS bereitet, und erklärt ist damit auch, warum der Autor in der Vorbemerkung den Hinweis gibt, dass „die vorliegende Dokumentation [...] keine Verkündigung religiöser Lehren der Zeugen Jehovas enthält" (S. 10). 

In der Schilderung über die NS-Verfolgung (einschließlich der über die KZ) folgt der Autor nahezu ausschließlich dem Jahrbuch der Zeugen Jehovas von 1974, unterbrochen von Einstreuungen aus dem Standardwerk von Garbe. Dies wäre zu verschmerzen gewesen, wenn dem Leser dann aber zumindest ein Literaturverzeichnis die Chance ermöglicht hätte, weitere Recherchen zu unternehmen. Es fehlt leider, ebenso wie ein Quellenverzeichnis. Die offenbar ausgebliebene Einbeziehung der wissenschaftlichen Literatur führt dann zu solchen allzu verkürzenden Darstellungen wie die zu den so genannten „Verpflichtungserklärungen". Diese Erklärungen wurden den Zeugen Jehovas auch in den KZ zur Unterschrift vorgelegt. In ihnen sollten sie von der „Irrlehre" abschwören und sich als Denunzianten betätigen, falls nach ihrer Entlassung Glaubensgeschwister mit ihnen wieder Kontakt aufnehmen würden. „Verpflichtungserklärungen" mussten anfangs von allen KZ-Häftlingen unterschrieben werden, wenn sie entlassen wurden. Für die Häftlingsgruppe der Zeugen Jehovas wurde bis 1938 ein eigener Standardtext entworfen. Bis dahin existierten viele unterschiedliche Entwürfe, die von den lokalen Behörden ausgearbeitet worden waren. Die Frage ist nun, wie viele Zeugen Jehovas diese Erklärungen unterschrieben haben. Verlässliche Zahlen dazu gibt es nicht. Angaben von Häftlingen zufolge wurden sie nicht häufig unterschrieben, wobei für das Frauen-KZ Lichtenburg allerdings die Aussage einer Zeugin Jehovas überliefert ist, dass es „nicht wenige" waren, wohingegen eine weitere Zeugin Jehovas sich an nur zwei Unterschriftsleistungen erinnert (vgl. zu diesem Themenkomplex ausführlich Hesse/ Harder, S. 66ff., 96ff., 181f.). Klein konstatiert über die, die unterschrieben: „Wurden sie dann doch entlassen, kamen sie anschließend mit dem Militär an die Front, wo sie meist umkamen. Von den überlebenden Kompromissbereiten sahen etliche jedoch nach dem Krieg ihre vormalige Entscheidung aus neuer Sicht, bereuten ihre frühere Handlung und suchten wieder den Anschluss an ihre Glaubensbrüder" (S. 55). Eine Einbeziehung des Forschungsstandes hätte den Autor vor diesen Behauptungen bewahren können. 

Die Stärke des Buches liegt dagegen in dem Kapitel über die Zeugen Jehovas in den Arbeitskommandos des KZ Dachau und in den 30 biografischen Skizzen, die, ergänzt durch zahlreiche Dokumente wie Briefe aus dem KZ und Fotos, das bedrückende Schicksal dieser Häftlingsgruppe ausleuchten. Hier gelingt es dem Autor, „ein Bild der ganzen schrecklichen Wirklichkeit" - nicht alleine in dem KZ - zu entwerfen (S. 100) und die Basis für zukünftige Untersuchungen über diesen Themenkomplex zu legen.

Erhard Klein: Jehovas Zeugen im KZ Dachau. Geschichtliche Hintergründe und Erlebnisberichte. Bielefeld: Mindt, 2001. Hans Hesse
<<Zurück zur Übersicht

Nachkriegserinnerung an die Razzia in Putten
In der Nähe von Apeldoorn und Deventer unweit des ljsselmeers befindet sich die 1944 etwa zehntausend Menschen umfassende Gemeinde Putten, welche Schauplatz eines Verbrechens von Wehrmachtsangehörigen wurde. Das Buch von Madelon de Keizer - Mitarbeiterin des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation in Amsterdam - untersucht die historischen Ereignisse. Sie beleuchtet darüberhinaus, wie die örtliche Bevölkerung während und nach der Besatzungszeit die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges zu verarbeiten suchte.

Was war geschehen? Am Sonntag, dem 1. Oktober 1944, trieben deutsche Soldaten Männer, Frauen und Kinder des Dorfes zusammen. Dieser Razzia vorausgegangen war in der Nacht davor ein dilettantisches Attentat auf ein deutsches Militärfahrzeug, bei dem ein Deutscher verletzt wurde. Die anderen drei Insassen des Autos konnten entkommen. Ein Widerstandskämpfer erlag seinen Verwundungen. Die Widerstandsgruppe fiel völlig auseinander. Unter den später Aufgegriffenen gab es weitere Todesopfer. Die Überlebenden zogen sich hinter eine Mauer des Schweigens zurück, um befürchteten Racheakten der Bevölkerung zu entgehen. Insgesamt wurden 661 Männer und Jungen nach Deutschland deportiert und 75 Wohnhäuser in Brand gesteckt. In den Hintergrund geriet die Beteiligung von deutschen und niederländischen SS-Männern.

Die zurückgebliebenen Verwandten der Deportierten konnten nur wenig herausbekommen, was mit den Gefangenen geschah. Einige Männer wagten den Sprung aus dem Zug und kehrten bald zurück. Die anderen kamen nach Neuengamme und andere Konzentrationslager. Von den Verschleppten kehrten nach der Befreiung nur noch 49 Männer zurück. Um die hohe Todesrate zu erklären, wurden psychoanalytische und andere Überlegungen (Fatalismus, Bauernmentalität oder Religiosität) angestellt. Aber in der Hauptsache hat es an den todbringenden Lebensbedingungen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges gelegen. Wegen der vielen Toten wurde Putten das „Dorf der Witwen und Waisen" (S. 9) und zu einem Symbol und im niederländischen Bewußtsein zum „Inbegriff von Unrecht und teuflischer Allmacht'. (S. 206)

Die Erfahrungen der Puttener Bevölkerung stehen am Beginn der Rekonstruktion der kollektiven Erinnerung an die Razzia. Es war für die Menschen unvorstellbar, dass sie für etwas bestraft wurden, was sie nicht getan hatten. Als Mitarbeiter des - damals noch - Reichsinstituts für Kriegsdokumentation Einwohnerinnen, darunter politisch Verantwortliche, zufällige Passanten, Polizisten und Beamte, Mitglieder der Niederländischen Nationalsozialistischen Bewegung und Mitglieder der Widerstandsgruppe interviewten, stellten sie fest, daß von den Widerstandskämpfern fast niemand aus Putten selbst stammte. Viele waren in Putten untergetauchte Kommunisten, denen die Schuld an der Razzia zugeschoben wurde.

Es ergab sich keine eindeutige Aufklärung des Geschehens und der Zusammenhänge. Stattdessen überwogen vielseitige Bemühungen, eine für die jeweiligen Beteiligten akzeptable Version der verwirrenden Ereignisse zu finden. Es gab den Vorwurf der Kollaboration der niederländischen Polizei mit den Deutschen, Feindseligkeit gegenüber den Widerstandskämpfern, und manche schreckten auch vor falschen Anschuldigungen nicht zurück.

1946 fanden zwei Verfahren gegen zwei verantwortliche deutsche Offiziere statt, die dokumentierten, dass es Verbrechen der Wehrmacht nicht nur in Osteuropa gegeben hat. Die Prozesse endeten mit geringfügigen und bald amnestierten Freiheitstrafen. Beson ders beschämend sind die Skandale nach der Begnadigung: Beispielsweise wurde einem der verurteilten Offiziere zu Ehren eine Straße in Wyk auf Föhr wieder zurückbenannt.

Nach der Befreiung fand keine ernsthafte Aufarbeitung der historischen Ereignisse und stattdessen ihre Mystifizierung statt. Niemand hatte ein Interesse daran, sich die Finger zu verbrennen, und so sollten die gesammelten Dokumente 50 Jahre gesperrt bleiben. Die Erinnerungsarbeit, an der sich neben den Beteiligten nicht nur Psychologen, sondern auch Religionsleute beteiligten, machte einen großen Bogen um die realen Geschehnisse. Auf Initiative eines Pfarrers aus Ladelund in Schleswig-Holstein - wo viele Puttener in einem Außenkommando des KZ Neuengamme gefangen waren - entwickelte sich eine mühevoll aufgebaute Partnerschaftsbeziehung zu Putten. Es fanden zunehmende und regelmäßige Treffen in beiden Orten stand, bei denen religiöse Gemeinsamkeiten eine wichtige Rolle spielten: Die evangelisch-lutherische Gemeinde Ladelund traf auf die überwiegend reformierte Gemeinde von Putten. In Laufe der Jahre wurden Erinnerungstafeln angebracht und Gedenkstätten errichtet. Zwischen beiden Orten und ihren Kirchengemeinschaften fand ein stark „religiös inspiriertes Versöhnungsprojekt" (S. 348) statt, welches den Jugendaustausch einschloß. Diese deutschniederländische Annäherung wurde sicherlich dadurch erleichtert, dass keine Versöhnung zwischen konkreten Tätern und konkreten Opfern stattfand, sondern eine „Versöhnung zwischen zwei religiösen Gemeinden vor dem Hintergrund der biblischen Botschaft von Feindesliebe und Versöhnung." (S. 383)

Etwas zu kurz kommt bei Madelon de Keizer die Frage, dass es sich um eine kommunistische Widerstandsgruppe gehandelt hat. Dies hat die Geschichtsschreibung der CPN - Kommunistische Partei der Niederlande - heruntergespielt. Von der Autorin wäre zu wünschen gewesen, zum Beispiel über die Rolle des Antikommunismus bei den Beteiligten etwas zu erfahren. An einer Stelle geht sie aber wohl zumindest indirekt darauf ein, wenn sie sagt: „Nicht der bewaffnete Widerstand, sondern der geistige Widerstand des gesamten niederländischen Volkes, der sich vor allem in der illegalen Presse manifestiert hatte, wurde in das nationale Selbstbild integriert." (S. 296)

Madelon de Keizer ist es auf eine hervorragende Weise gelungen, die „Razzia in Putten" in ihren vielfältigen Facetten - die hier nicht alle angesprochen werden konnten - zu beleuchten. Sie hat den „Komplex von Stereotypisierungen" (S. 403) entmythologisiert und bietet viele Ansatzpunkte für weiterführende Forschungen und Diskussionen. Zu loben ist auch das inzwischen schon traditionelle Engagement des Verlages, ein wichtiges Buch zur Geschichte des Nationalsozialismus aus den Niederlanden in deutscher Sprache zu veröffentlichen.

Madelon de Keizer: Razzia in Putten. Verbrechen der Wehrmacht in einem niederländischen Dorf.
Köln: Dittrich, 2001.
Kurt Schilde
<<Zurück zur Übersicht

Antirassistische Pädagogik in Europa
„Die Realität hat unsere Ängste eingeholt", klagte Max Willner, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden in Hessen, bereits 1992, als Neonazis die einstige „jüdische Baracke" im ehemaligen KZ Sachsenhausen in Brand steckten. Dem 1994 Verstorbenen blieb gerade noch die Eurobarometerstudie (wenn auch nicht die Verhältnisse) des gleichen Jahres erspart, nach der sich 55 Prozent der Europäer als „sehr" oder „ziemlich rassistisch" einstuften.

Die EU-Mitgliedsstaaten riefen darauf hin das Jahr 1997 zum „Europäischen Jahr gegen Rassismus" aus. Dennoch resümierte 1998 wiederum eine EU-Studie: Die Bürger in der Europäischen Union werden immer fremdenfeindlicher; sie denken, dass es zu viele Minderheiten anderer Kulturen in den 15 Staaten gibt und akzeptieren „Ausländer" immer weniger. Grund genug für den Europarat, in Wien eine „Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus" einzurichten (Rahlgasse 3, A-1060 Wien).

Und man möchte an Hölderlin denken („Mit der Gefahr wächst das Rettende"), wenn wiederum aus Österreich als „Slowenisches Jahrbuch 1999" der hier zu empfehlende Sammelband zur Theorie und Praxis antirassistischer Pädagogik in Europa kommt. Unter Federführung der Klagenfurter Erziehungswissenschaftler Peter Gstettner und Vladimir Wakounig äußern sich 19 Autorinnen in 13 Beiträgen zur zerstörten Hoffnung auf ein gemeinsames Haus Europa (S. 9), wie es im Vorwort heißt. Dies aber mit der Zielsetzung einer Demokratisierung als „vermehrter Teilhabe an den gesellschaftlichen Entwicklungen und eine kompetentere Verfügung der Menschen über ihre Lebensumstände" (S. 11).

Dennoch müssen auch Gstettner/Wakounig konstatieren: „Vorbildliches zum Thema Multikulturelles Zusammenleben ist rar. Auch die Rassismusforschung hat noch wenig Herzeigbares aufzuweisen, das sich problemlos in die Praxis umsetzen ließe" (S. 11).

Mit Hamburger (1992) stellen die Herausgeber demgegenüber Wegweiser auf für einen Antirassismus, der sich „begrifflich kategorial an der Menschenwürde und pädagogisch an der Vorstellung eines gelingenden Lebens" orientiert (S. 13) - gelingendes Leben verstanden als ein Leben ohne Diskriminierung, welches sich „gegen den Rassismus im eigenen Kopf wehren" und „eine kritische Distanz sich selbst gegenüber" bewahren kann (S. 12 in Anlehnung an Essinger, 1993).

Lorenz Walter aus Cork/Irland, Anna AluffiPentini aus Rom, Gita Steiner-Khamsi und Carol Anne Spreen aus New York, Franz Hamburger aus Mainz, Vlado Miheljak aus Ljubljana und schließlich Vladimir Wakounig aus Klagenfurt/Celovec bestreiten mit sechs Beiträgen den „Theoretische Praxis" genannten Einführungsteil. Durch die sehr anspruchsvollen und ein Kompendium der Fachliteratur reflektierenden Essays zieht sich die Analyse der Begriffspaare „Differenz und Identität" bzw. „Identität und interkulturelle Erziehung", cum grano salis mit dem Ergebnis: „Der hohe Stellenwert von Ethnizität oder Rasse' sollte redimensioniert werden und Platz machen für einen alternativen, nicht-ethnisierenden und nicht-rassialisierenden kulturellen Bezugsrahmen" (Steiner-Khamsi/Spreen, S. 83). So müßte antirassistische Jugendarbeit erfahrbar machen, daß es „neben Ethnizität, Nationalität und Rasse andere, wichtigere Kriterien gibt, aufgrund deren sich Individuen gegenseitig anziehen oder abstoßen" (S. 84). Konsequent formuliert Franz Hamburger für eine interkulturelle Erziehung: „Identität entsteht also auch durch die Fähigkeit, sich kooperierend auf andere Orientierungen einzulassen„, sofern sie sich auf Gerechtigkeit gründet - meint: „der Herstellung und Erhaltung der gleichen, d.h. gerechten Bedingung für die Entwicklung auch des Ungleichen" (S. 105). Nach beeindruckenden Einblicken in die Kultur und Probleme der hierzulande doch weitgehend unbekannten slowenischen Minderheiten zieht Vladimir Wakounig „Konsequenzen für die wissenschaftliche und pädagogische Praxis" und plädiert für die Aufhebung der dualisierenden Sichtweise hier Mehrheit, dort Minderheit. „Die zunehmende Pluralisierung erfaßt beide Bereiche, so daß es immer schwieriger wird, bestimmte Lebensformen entweder nur der Mehrheit oder nur der Minderheit zuzuschreiben" (S. 158).

Fast aussichtslos ist es, in der hier gebotenen Kürze den Autorinnen des zweiten Teils „Konkrete Fallbeispiele" im einzelnen gerecht zu werden. Die am häufigsten herangezogenen Autorinnen der Sekundärliteratur in den Beiträgen von Elisabeth Jaksche, Peter Gstettner, Bärbel Kampmann, Karen Chouhan/Ummi Esmail/Joe Joseph/Kurian Mathai/Jeff Modayil, Andreas Egger und Edwin Hoffmann/Ruhen Maduro (die Praxis antirassistischer Pädagogik dokumentieren aus Österreich, Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden) sind etwa Klaus Holzkamp und Thea Bauriedel. So läßt sich vom Konzept der Subjekttheorie her resümieren: Exklusion ist der Kern des institutionell-rassistischen Diskurses und zugleich der zentrale Ansatzpunkt einer antirassistischen Pädagogik. Wenn wir Minderheiten als Menschen minderen Wertes und Rechtes stigmatisieren, über die man als Mehrheit verfügen kann, wirken wir mit an einem selbstschädigenden Druck, der uns jederzeit selbst auf die Füße fallen kann. Solche „Subjektivität im interkulturellen Lernprozeß", wie ein zentraler Beitrag von Peter Gstettner heißt, wirkt der Selbstentmächtigung auch durch „biografische Aufarbeitung verkommener Geschichte" (S. 183) entgegen. Der Klagenfurter Professor berichtet aus einem zehnjährigen Arbeitsprogramm, wie sich der Mensch durch Erinnerungsarbeit „einen Weg zum Unbewußten seiner Lebensgeschichte, zum Fremden' in sich selbst" (S. 183) schafft. „Die Folgen der Verdrängung, wie etwa rassis­tische Einstellungen gegenüber dem Fremden' oder das Konstruieren von Feindbildern, werden dadurch aufgehoben. Der Gewinn, oder besser gesagt, die Belohnung, die aus dieser mühevollen Arbeit resultiert, ist die Erinnerung an und die bewußte Verfügung über die ganze Lebenszeit" (S. 184).

Der Mediensommer 2000 mit seinem „Aufstand der Anständigen" war von einem „Stichflammeneffekt" gekennzeichnet, wie der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Siegfried Weischenberg, die Reaktionen der Medien auf die neue Welle rechter Gewalt nannte. Nachhaltigkeit und investigativer Journalismus wären der veröffentlichten Diskussion zu wünschen - und weitere „qualitative Untersuchungen" (S. 12) wie diese der akademischen Fachwelt abzufordern. Damit die „Vertiefung des reflexiven Bewusstseins über Gleichheit und Ungleichheit" (S. 13) dazu beiträgt, dass nicht weiterhin der (notwendige) Aufbau eines stabilen Selbst verwechselt werde mit einer (zu überwindenden) monolithisch aufgebauten ethnischen Identität.

Für diesen Grundgedanken haben die Herausgeber ein Grundlagenwerk vorgelegt. Ich empfehle es uneingeschränkt für Forschung, Lehre und Selbststudium.

Anna Aluffi-Pentini, Peter Gstettner, Walter Lorenz, Wladimir Wakounig (Hrsg.): Antirassistische Pädagogik in Europa. Theorie und Praxis. Klagenfurt/Celovec: Drava-Verlag, 1999 (= Slowenische Jahrbücher, Bd.5)Peter Krahulec
<<Zurück zur Übersicht

Zeugnisse des Widerstehens
In der biographischen Forschung zum antifaschistischen Widerstand sind Selbstzeugnisse ein unverzichtbares Material, so zum Beispiel Briefe von Verfolgten aus Haftstätten und Konzentrationslagern. Bei aller Beschränktheit der Aussagefähigkeit durch Zensur und ande­ren äußeren Druck wie Schreibverbote u.ä.sind solche Briefe Zeugnisse des ungebrochenen Überlebenswillens und der Standfestigkeit von Frauen und Männern, die sich dem NS-Regime entgegen gestellt haben. Ein besonderes Beispiel dieser Quellen konnte jüngst in Kassel vorgestellt werden.

Nach fast zwei Jahrzehnten fand mit der Herausgabe der kommentierten Briefe und Gedichte ein Forschungsvorhaben seinen Abschluss, das sich mit Kurt Finkenstein, einem Kasseler Intellektuellen, Kriegsgegner und Antifaschisten, befasst. Kurt Finkenstein (1893-1944), Sohn einer Jüdin, kam 1919 aus beruflichen Gründen nach Kassel. Seine Wohnung und sein Dentallabor wurden bald schon Treffpunkte für linke Intellektuelle, Schauspieler und Künstler. Er selbst engagierte sich in der KPD, der er jedoch nicht unkritisch gegenüberstand. Als „Jude' und „Kulturbolschewist' entsprach er dem Feindbild der Nazis, was zu seiner ersten kurzzeitigen Inhaftierung im KZ Breitenau im Sommer 1933 führte. Davon unbeeindruckt unterstützte er mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff den kommunistischen Widerstand, bis er im Juli 1935 erneut verhaftet wurde. Die Bereitschaft zum Widerstand entsprach seiner politischen Grundüberzeugung. Er ließ sich dabei weder instrumentalisieren, noch wurde er Opfer der „Leichtfertigkeit" oder der „Gleichgültigkeit" kommunistischer Funktionäre, wie es der ein­führende Text nahe legt.

Zweieinhalb Jahre dauert es, bis Finkenstein im Prozess vor der OLG Kassel zu sieben Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt wurde. Schon in dieser Zeit begann er Briefe an Käte Westhoff und seinen Sohn Peter zu schreiben, mit denen er seine Situation der Einzelhaft und der Gefahr der Resignation zu überwinden versuchte. Er war sich der Tatsache bewusst, dass seine Schreiben durch die Zensur gehen würden. So drückte er manche seiner Gedanken und Empfindungen in Gedichten aus, die mit zunehmender Haftzeit einen immer größeren Raum in seinen Briefen einnahmen. Für die Nazischergen waren seine Briefe deutlich als Versuche der Resistenz erkenn­bar, ohne dass er direkten Anlass zur Zensur geboten hätte. Schrieb er einmal offen, dass er „diese herrlich große Zeit mehr als satt" habe, dann wurden solche Sätze aus den Briefen herausgeschnitten. Daraufhin untersagte die Gestapo für zweieinhalb Jahre jeden Briefkontakt mit Käte Westhoff. Finkenstein schrieb nun an seinen Sohn Martin unter der Postanschrift von Käte Westhoff. Im Zuchthaus musste er auch erfahren, dass sein Sohn Peter „sein junges hoffnungsfrohes Leben aushauchte und ein Grab in Rußland' fand", wie er in einem Brief im August 1943 formulierte.

Nach der Verbüßung der eigentlichen Strafzeit wurde Kurt Finkenstein ins KZ Breitenau überführt und im Januar 1944 nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ermordet wurde.

Insgesamt 69 Briefe aus der Haftzeit sind überliefert. Mit Genehmigung seiner Frau konnten sie nun zum ersten Mal veröffentlicht werden. Es sind eindrucksvolle Zeugnisse antifaschisti­scher Grundüberzeugungen. Dietfried Krause­Vilmar, der den Briefen eine umfangreiche historische Einleitung voranstellte, schreibt: „In seinen Briefen lebt eine Hoffnung; sie wehrt sich und bewahrt sich unter den täglichen Bedingungen der Haft und der Schikanen. Dem System des Unrechts setzt Finkenstein Redlichkeit und Wahrhaftigkeit, Recht und Moral entgegen."

Ein textkritischer Apparat, zahlreiche Abbildungen und Biogramme von beteiligten Kasseler Bürgern runden dieses eindrucksvolle Lesebuch ab.

Kurt Finkenstein: Briefe aus der Haft 1935-1943. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Dietfried Krause-Vilmar. Kassel: Jenior Verlag, 2001. Ulrich Schneider
<<Zurück zur Übersicht

Vergessenes?
Wenn man Schulgeschichtsbücher als ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Geschichtsbildes heranzieht, dann hat sich bezogen auf Rezeption und angemessene Wahrnahme des europäischen Widerstandes in den vergangenen 35 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland wenig getan. Das ist jedenfalls das Resultat einer aktuellen Untersuchung von Karl Heinz Jahnke über den europäischen Widerstand 1939 bis 1945 in deutschen Geschichtslehrbüchern.

Bezugnehmend auf die verdienstvollen Konferenzen der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) in den sechziger Jahren untersucht er 27 gängige Schulgeschichtsbücher und deren Umgang mit diesem historischen Gegenstand. Da dieses Thema auch in den Lehrplänen der jeweiligen Kultusministerien eine absolut vernachlässigte Größe darstellt, ob wohl das eigentlich verdienstvolle historische Erbe für eine gemeinsame euro­päische Tradition, haben auch die meisten Geschichtsbücher diesem Thema keine große Bedeutung beigemessen. Nur ein Drittel der untersuchten Bücher beschäftigt sich substanzieller mit der Thematik. Doch auch dort gibt es entscheidende Lücken: „An keiner Stelle wird erwähnt, dass in den militärischen Verbänden der Antihitlerkoalition Zehntausende Bürger aus von Deutschen besetzten Ländern kämpften." (37) Auch die Tatsache, dass deutsche Antifaschisten an der Seite der nationalen Widerstandsgruppen kämpften, wird nur in einem Buch im Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg erwähnt.

Der Autor kommt daher zu dem Ergebnis: „Die Darstellung des europäischen antifaschistischen Widerstandes in den Geschichtslehrbüchern (ist) unzureichend. Eine Korrektur ist dringend geboten:' (37)

Besser sieht es offensichtlich bei der Darstellung des deutschen Widerstandes aus. Die Untersuchung von Jahnke bestätigt eine Einschätzung von Falk Pingel aus dem Jahre 1995: „Insgesamt hat die Darstellung des Widerstandes im Laufe der Geschichtsbuchentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland also an Breite und Tiefe gewonnen:' (41) Dabei konstatiert Jahnke jedoch große Unterschiede und benennt als Desiderate: „Nach wie vor fehlen weitgehend der Widerstand in den Konzentrationslagern, der jüdische Widerstand in Deutschland, der Widerstand am Kriegsende April/Mai 1945. Unberücksichtig bleibt auch, dass Ausländer während des zweiten Weltkrieges maßgeblichen Anteil am Widerstand in Deutschland hatten!' (41)

Augenfällig ist das Bemühen der Schulbuchautoren, „Schwarz-weiß"-Darstellungen zu vermeiden. Dass dabei jedoch die Klarheit der Darstellung leidet, zeigt Jahnke an verschiedenen Beispielen. So urteilt ein Buch, es sei schwer, den Widerstand „in seinen jeweiligen Zielen und bei seiner letztlichen Erfolglosigkeit gerecht zu beurteilen:' (65) Gleichzeitig wird den Schülern jedoch kein Instrumentarium an die Hand gegeben, mit deren Hilfe eine angemessene Beurteilung möglich würde. Somit gehen selbst solche Versuche der Differenzierung ins Leere.

Neben hervorhebenswerten positiven Beispielen gilt weiterhin, dass die Mehrzahl der Schulbücher den gegenwärtigen politisch motivierten Tendenzen des erneuten Umschreibens der Geschichte folgen, besonders bezogen auf eine Geringschätzung des Widerstandes aus den Kreisen der Arbeiterparteien.

Jahnkes Untersuchung bietet hinreichend Material und Fragestellungen, die zu einer Fortsetzung der ehemaligen Schulbuchdebatte einladen.

Eine Literaturauswahl auf 24 Seiten, in der Standardwerke, vorrangig aus antifaschistischer Perspektive, zusammengetragen wurden, und eine knappe Chronik zum europäischen Widerstand runden die Publikation ab.

Karl Heinz Jahnke: Vergessenes? - Der europäische Widerstand 1939-1945 in den Geschichtslehrbüchern. Frankfurt am Main: VAS, 2001.
Ulrich Schneider
<<Zurück zur Übersicht

<<Zurück zum Heft "informationen" Nr. 55


Zum Seitenanfang