Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Buchbesprechungen "informationen" Nr. 54, 2001

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Widerstand in Zinnowitz und Peenemündel
Karl Heinz Jahnke: Marie ter Morsche kann ihren Vater nicht vergessen. Widerstand gegen Hitlers V-Waffen in Zinnowitz und Peenemünde 1942/43. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2001
Cora Mohr >>Mehr dazu
„Es gab nichts zu essen und wir wurden nie satt.“
Katja Limbächer, Maike Merten, Bettina Pfefferle (Hg.): Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark.
Beiträge zur Geschichte und Gegenwart. Münster: Unrast Verlag, 2000
Kurt Schilde >>Mehr dazu
Wir sind die letzten – fragt uns! Biographisches zum Spanienkämpfer, Auschwitz- und Buchenwald-Überlebenden Kurt Julius Goldstein.
Wir sind die letzten – fragt uns! Kurt Goldstein – Spanienkämpfer, Auschwitz- und Buchenwald-Häftling. Reden und Schriften (1974-1999) mit einer autobiographischen Einführung. Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer. Bonn: Pahl-Rugenstein-Verlag, 1999.
Vorwärts und nicht vergessen. Kurt Julius Goldstein. Ein Portrait von Ingrid Strobl. 1994. Produktion, Verleih und Vertrieb: Friedrich-Martin Balzer, Wilhelmstraße 28, 35037 Marburg, Telefon/Fax (06421) 24510;
Verleih für nicht kommerzielle Veranstaltungen auch beim Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945.

Ulrich Schneider
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Konrad Arndt – ein unbeugsamer Antifaschist
Axel Ulrich: Konrad Arndt. Ein Wiesbadener Gewerkschafter und Sozialdemokrat im Kampf gegen den Faschismus. Hrsg.: IG Metall Verwaltungsstelle Wiesbaden-Limburg und Verein Volkshaus J.P., Wiesbaden 2001.
Renate Knigge-Tesche >>Mehr dazu

Geschlechtsspezifische Erfahrungen von Frauen im Holocaust
Barbara Distel (Hg.): Frauen im Holocaust. Gerlingen: Bleicher-Verlag, 2001
Monika Schmittner
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Zur Erinnerung an Paul, Ella und Elvira Eisenschneider 
Luitwin Bies: Paul, Ella und Elvira. Über den Lebensweg der Eisenschneiders aus Fischbach an der Nahe. Hg.: Alternative Liste Kreis Birkenfeld. Idar-Oberstein 2001
Karl Heinz Jahnke
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Erinnerung an Fredzia Kielbik und andere
Alina Margolis-Edelman: Als das Ghetto brannte. Eine Jugend in Warschau. Aus dem Polnischen von Beate Kosmala. (Bibliothek der Erinnerung. Hrsg. von Wolfgang Benz. Band 6). Berlin: Metropol Verlag, 2000
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Reichstagsbrand: Wie Geschichte gemacht wird.
Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. Berlin: edition q, 2001
Karl Heinz Jahnke
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Exil in Prag
René Senenko: Willi Bredels Exil in Prag 1934. Hamburg: Willi-Bredel-Gesellschaft, 2001
Karl Heinz Jahnke
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Feilschen zwischen Verbrechern und Opfern
Doron Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938–1945. Der Weg zum Judenrat. Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag, 2000
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Wanderung zwischen zwei Welten
Hermann Heidrich (Hg.): Fremde auf dem Land. Bad Windsheim: Verlag Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim, 2000
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Widerstand in Zinnowitz und Peenemünde
Gedenktafeln würden keinen Sinn machen, wenn sie nicht zu Fragen führen würden. Schon das Anbringen der Gedenktafeln verbirgt oft problematische Kontroversen und Auseinandersetzungen um die Fragen, welche Erinnerungen erwünscht sind, was verdrängt und vergessen werden soll. Für Karl Heinz Jahnke war die Anbringung einer Gedenktafel Ausgangspunkt für ein Buch: Die Tafel wurde am 14. November 1999 im Ostseebad Zinnowitz an einem Privathaus angebracht. Recht schlicht stehen hier die Namen von fünf Männern im Alter von vierzig bis fünfzig Jahren, die 1944 hingerichtet wurden. Dort, wo die Tafel nun hängt – in der heutigen Waldstraße 12 –, war der Ort ihrer Zusammenkünfte, dort lebte auch Familie ter Morsche von 1941 bis 1945.

Der mit einer Deutschen verheiratete Niederländer Johannes ter Morsche kommt nach der Besetzung der Niederlande als Zwangsverpflichteter nach Zinnowitz. Dort sucht der arbeiterbewegte Antifaschist Kontakt zu Gleichgesinnten. Nach und nach entsteht ein illegaler Kreis, dessen Mitglieder aus Polen, Österreich, den Niederlanden und Deutschland stammen. Sie treffen sich, tauschen Rundfunknachrichten aus, versuchen, Kontakte zu möglichen Mitstreitern unter den zahllosen Zwangsarbeitern herzustellen. All dies mit dem großen Ziel, die Fertigstellung der Anlagen zum Bau von V-Waffen in Peenemünde zu verhindern, beziehungsweise den Bau zu verlangsamen. Die fünf Männer werden von einem Gestapospitzel verraten. Haft und Prozesse folgen; drei Todesurteilen werden gefällt: gegen Johannes ter Morsche, gegen Tadeus Siekierski, polnischer Zwangsarbeiter, und gegen Carl Lampert, nach Zinnowitz zwangsversetzter oppositioneller österreichischer Prälat. Das starke Interesse der NS-Führung am Prozeßverlauf liegt an der zentralen Bedeutung, die die Entwicklung ferngelenkter Raketen für die Rüstungsindustrie hatte. Jeglicher Widerstand hiergegen musste im Keim erstickt werden.

Marie ter Morsche traf nach der Verhaftung des Vaters und der darauffolgenden Verhaftung der Mutter ein belastendes Los: Die Dreizehnjährige ermöglichte die Kommunikation zwischen den getrennt inhaftierten Eltern, kümmerte sich um ihren jüngeren Bruder, lieblos umhergestoßen von der deutschen Großmutter, die veranlasste, dass die Kinder voneinander getrennt zu nazitreuen Familien kamen. Als es zum Todesurteil gegen den Vater kommt, schreibt Marie ein Gnadengesuch an Adolf Hitler – ohne Erfolg. Am 24. Januar 1944 wird ter Morsche hingerichtet. In der weiteren Darstellung folgen die Bemühungen von Marie, die Erinnerungen an ihn und seine Widerstandsgefährten wachzuhalten.

Das Buch enthält zahlreiche Dokumente und Briefe, die u.a. die langjährigen Auseinandersetzungen um ein Gedenken in Zinnowitz darlegen. Es zeugt von Versuchen der Entsorgung antifaschistischer Geschichte und Gedenkens. Nach 1989 wurde die seit 1968 benannte Johannes-ter-Morsche-Straße wieder in Waldstraße umbenannt. Nur der zähen Initiative von Marie und wenigen deutschen Antifaschisten – wie Karl Heinz Jahnke – ist es zu verdanken, dass heute nach den Namen der Widerstandsaktivisten gegen die Rüstungsmaschinerie in Peenemünde, die auf der Gedenktafel verewigt sind, gefragt werden kann.

Karl Heinz Jahnke: Marie ter Morsche kann ihren Vater nicht vergessen. Widerstand gegen Hitlers V-Waffen in Zinnowitz und Peenemünde 1942/43. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2001.
Cora Mohr
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Es gab nichts zu essen und wir wurden nie satt.“

Mit diesem Satz aus dem Interview mit einer damals jugendlichen Gefangenen des „Jugendschutzlagers“ Uckermark – dem benachbarten Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück zugehörig – wird treffend das Überleben charakterisiert. Leider musste erst mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die Geschichte des Mädchenkonzentrationslagers – so sollte es trotz seines offiziellen anderen Namens bezeichnet werden – einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird. Der Verdienst kann den Herausgeberinnen, Zeitzeuginnen und Beiträgerinnen – sowie zwei Beiträgern – nicht hoch genug angerechnet werden. Dies werden vor allem die historisch Forschenden und Interessierten zu schätzen wissen, die bisher nur wenig verlässliche Informationen über das vergessene Lager bekommen konnten.

Der Sammelband schlägt einen Bogen von Ergebnissen der historischen Forschung bis zum Umgang mit der Geschichte in der Gegenwart. Neben der Auswertung von Archivalien stammen viele Informationen aus Überlebendenberichten. Das Buch hat drei Teile: Im ersten Kapitel geht es um die Geschichte selbst.

Die historische Entwicklung der Disziplinierungsinstitution „Jugendschutzlager“ Uckermark ist kurz und grauenvoll. Sie beginnt 1942 und endet 1945. In den dazwischen liegenden Jahren wurden rund 1.200 als „Asoziale“ oder „Kriminelle“ diskriminierte Mädchen und junge Frauen durch die Kriminalpolizei oder Geheime Staatspolizei eingewiesen. Manche junge Gefangene kam als „unerziehbar“ aus einem Fürsorgeerziehungsheim dort hin oder wegen einer Beziehung zu „Fremdvölkischen“. Sie hatte den BDM-Dienst abgelehnt oder gehörte zur Swing-Jugend. Slowenische Mädchen und junge Frauen kamen nach Uckermark, weil sie oder ihre Familienangehörigen gegen die deutsche Besatzung gekämpft hatten. Die Jugendlichen mussten im Siemenswerk Ravensbrück Überlandtelefone und Kehlkopfmikrophone herstellen.

Die Leitung des Lagers hatte bis zur Auflösung im April 1945 die von einer Zeitzeugin als „Satan in Person“ beschriebene Kriminalrätin Lotte Toberenz inne, eine Angehörige der weiblichen Kriminalpolizei, wie ihre Vertreterin Hanna Braach. Es gab weitere sechs bis sieben Kriminalbeamtinnen und etwa 80 Aufseherinnen. Die Verantwortlichen wurden nach 1945 nicht zur Rechenschaft gezogen.

Im Januar 1945 entstand auf dem Gelände ein Vernichtungslager für die im Frauen-KZ Ravensbrück als „nicht mehr arbeitsfähig“ selektierten Frauen.

Im Zentrum des zweiten Teils stehen die Berichte der Überlebenden, die sich jahrzehntelang nicht getraut haben, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Treffend ist die Begründung, warum über das Lager Uckermark wenig bekannt ist: „weil die Institution an und für sich auch noch nach 1945 für eine gelungene Jugendpolitik stand.“

Als drittes und letztes Themenspektrum wird die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Lagers thematisiert und angesprochen, was mit dem Gelände geschehen soll.

Das Spektrum der über zwanzig Beiträge umfasst Studien über die Einweisungspraxis und an der Einweisung beteiligte Fürsorgerinnen sowie über die in Uckermark inhaftierten Mädchen und Frauen anhand von Fürsorge- und Polizeiakten, über die weibliche Kriminalpolizei in der NS-Zeit und die beschämende Entschädigungspraxis.

In dem wertvollen Sammelband wird erstmalig das historische Wissen zusammengefasst, welches – zusammen mit den Berichten der Überlebenden – zu weiteren Forschungen ebenso anregt wie zur Diskussion über die künftige Gestaltung des Geländes.

Katja Limbächer, Maike Merten, Bettina Pfefferle (Hg.): Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark.
Beiträge zur Geschichte und Gegenwart. Münster: Unrast Verlag, 2000.
Kurt Schilde
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Wir sind die letzten – fragt uns! Biographisches zum Spanienkämpfer, Auschwitz- und Buchenwald-Überlebenden Kurt Julius Goldstein.
Die Zahl derjenigen, die aus eigenem Erleben über Widerstand und Verfolgung berichten können, wird immer geringer. Vor Jahren schon wurde daher angeregt, mit Interviews, Videoaufzeichnungen und Publikationen Erinnerungen von Frauen und Männern aus Widerstand und Verfolgung für die nachgeborenen Generationen aufzubewahren; auch in den Beständen des Studienkreises finden sich zahlreiche Interviews.

Einer derjenigen, dessen Lebensweg inzwischen aufgezeichnet wurde, ist Kurt Julius Goldstein. Die Stationen seines Weges lassen sich mit Ruhrgebiet, Flucht nach Frankreich, Emigration nach Palästina, Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg, Internierung in Frankreich, Auslieferung an Nazideutschland und Haft in Auschwitz und Buchenwald, Rückkehr ins Ruhrgebiet und Übersiedlung nach Berlin/DDR, wo er bis heute lebt, nur unzureichend beschreiben. Ebenso unzureichend ist die Auflistung seiner verschiedenen politischen und beruflichen Funktionen: Mitglied und Jugendfunktionär von SAJ, KJVD und KPD, Freiwilliger in den Internationalen Brigaden, Kapo im Auschwitz Außenlager Jawischowitz, nach der Selbstbefreiung des KZ Buchenwald politischer Neuanfang in Thüringen, dann im Ruhrgebiet, 1. Sekretär der KPD in Essen, später 1. Sekretär des Zentralbüros der FDJ in der BRD, Wechsel als Chefredakteur des „Deutschlandsenders“ Berlin, später Intendant des Senders „Stimme der DDR“, im „Ruhestand“ politischer Sekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) in Wien und Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Er selbst charakterisierte sich in einem Beitrag der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ so: „Ich bin ein deutscher, jüdischer Kommunist. In Deutschland bin ich geboren. Jude zu sein, das ist ein Stück meiner kulturellen, und Kommunist zu sein, Teil meiner politischen Identität.“

Dass über diesen Antifaschisten bereits biographische Skizzen veröffentlicht wurden, kann nicht verwundern. Genannt seien hier nur die Arbeit von Rosemarie Schuder und Rudolf Hirsch „Nummer 58866, Judenkönig“, oder die Sammlung von Wolfgang Herzberg mit dem Titel „Überleben heißt erinnern“, in der Kurt Goldstein ebenfalls seinen Platz fand. Der fast 50 Seiten umfassende autobiographische Beitrag aus dem letzgenannten Buch leitet auch die vorliegende Textsammlung „Wir sind die letzten – fragt uns“ ein. Entstanden Ende der 80er Jahre, reflektiert er nicht allein den persönlichen Werdegang, sondern auch die Brüche und Unzulänglichkeiten in der gesellschaftspolitischen Option: Aufbau des Sozialismus in der DDR, für die Kurt Goldstein fast fünfzig Jahre gewirkt hat. In welchem Maße er seine antifaschistische Orientierung in die Ausgestaltung der sozialistischen Entwicklung eingebracht hat, verdeutlichen die gut 60 Texte, die in der Auswahl enthalten sind.

Die Beiträge stellen – so der Herausgeber Friedrich-Martin Balzer – eine Auswahl der Texte dar, die Kurt Goldstein „in den letzten 25 Jahren in anregender Nachdenklichkeit zu Zielen, Wegen und Irrwegen des Antifaschismus in Europa geliefert hat.“ Gut die Hälfte der Beiträge stammen aus den Jahren nach 1990, als es darum ging, einerseits eine kritische Bilanz des Antifaschismus in der DDR aufzustellen, andererseits den Gedanken des Antifaschismus und der wahrheitsgemäßen historischen Erinnerung gegen jegliche Abwicklung und Geschichtsrevision zu verteidigen.

Goldstein beteiligte sich engagiert an den inneren Debatten der antifaschistischen Organisationen auch dort, wo seine Positionen möglicherweise Widerspruch auslösten. Und so sind seine Beiträge, beispielsweise seine Rede anlässlich des 50. Gründungsjubiläums der VVN–BdA 1997 in Frankfurt/Main immer auch Impulse zum kritischen und selbstkritischen Nachdenken.

Besondere Bedeutung hatte für ihn der Kampf um die geschichtliche Erinnerung an den spanischen Bürgerkrieg und die Leistungen der internationalen Brigaden. „Wir behalten Spanien im Herzen“, formulierte er anlässlich der Verleihung der spanischen Staatsbürgerschaft ehrenhalber im September 1996. Auch der 27. Januar 1945, der Tag der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee, wurde für ihn nicht erst ein Datum, als er staatsoffiziell zum bundesdeutschen Gedenktag ausgerufen worden war. Die Erinnerung an Auschwitz – als historischen Ort und als Metapher für die verbrecherische Politik des deutschen Faschismus – prägt seine Argumentation und sein Verständnis von einem breiten antifaschistischen Konsens.

Dieses Verständnis von Antifaschismus zeigte er bereits im antifaschistischen Neubeginn in Thüringen. Statt eines Nachwortes hat Friedrich-Martin Balzer eine Rede Kurt Goldsteins anlässlich der 1. Landeskonferenz der Freien Deutschen Jugend Thüringens vom 28. Dezember 1945 abgedruckt: „Wir wollen unsere Jugend zu freiem Denken und zum politischen Verständnis der großen historischen Aufgaben erziehen ... Arbeiten und aufbauen für Deutschland, um morgen wieder gutmachen zu können, was wir gestern an Schuld auf uns geladen haben“, lauteten die Herausforderungen. Und es dürfe nicht um parteipolitische Zielsetzungen gehen, sondern um eine breite, überparteiliche demokratische Öffnung.

An diesem Punkt treffen sich die Grundüberzeugungen von Herausgeber und Kurt Julius Goldstein. Friedrich-Martin Balzer hat zuvor zahlreiche Veröffentlichungen über christliche Antifaschisten vorgelegt, vor allem über religiöse Sozialisten und Christen in der DDR. Seine enge Beziehung zu Kurt Goldstein zeigt sich auch darin, dass er bereits Mitte der 90er Jahre die Produktion eines Video-Portraits „Vorwärts und nicht vergessen“, das Ingrid Strobl am 3. November 1994 anlässlich des 80. Geburtstags über Kurt Julius Goldstein hergestellt hat, ermöglichte. Das Video, das ebenfalls die verschiedenen Etappen seines Lebenswegs nachzeichnet, arbeitet vor allem mit dem gesprochenen Wort. Man findet keine hektischen Filmschnitte, keine „Action“, wenig Einblendungen und nur selten Rückschauen. Auch enthält sich die Autorin selbst der Kommentierung des Berichteten. Der Film ist dadurch langsam und unspektakulär, aber gleichzeitig politisch außerordentlich eindringlich, da Kurt Julius Goldstein es nicht bei einer erzählenden Beschreibung seines Lebens belässt. Offen und direkt spricht er über Höhen und Brüche in seiner Biographie, macht aber immer wieder seine politischen Visionen deutlich, für die sich dieser Einsatz, dieser Kampf gelohnt hat.

Buch und Video liefern damit zwei Beiträge, die mehr sind als biographische Skizzen. Es sind Lebensbeschreibungen eines deutschen, jüdischen Kommunisten, aus denen politisches Wollen und die Vision für eine antifaschistische Zukunft für die nachgeborenen Generationen deutlich werden.

Wir sind die letzten – fragt uns! Kurt Goldstein – Spanienkämpfer, Auschwitz- und Buchenwald-Häftling. Reden und Schriften (1974-1999) mit einer autobiographischen Einführung. Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer. Bonn: Pahl-Rugenstein-Verlag, 1999.
Vorwärts und nicht vergessen. Kurt Julius Goldstein. Ein Portrait von Ingrid Strobl. 1994. Produktion, Verleih und Vertrieb: Friedrich-Martin Balzer, Wilhelmstraße 28, 35037 Marburg, Telefon/Fax (06421) 24510;
Verleih für nicht kommerzielle Veranstaltungen auch beim Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945.

Ulrich Schneider
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Konrad Arndt – ein unbeugsamer Antifaschist 
„Ja, ich bin stolz auf meinen Vater und seine Geschichte”, sagte der frühere Frankfurter Oberbürgermeister, hessische Wirtschafts-, Verkehrs- und Finanzminister Rudi Arndt anlässlich der Namengebung des alten Wiesbadener Gewerkschaftshauses nach Konrad Arndt am 30. April 2001. „Ich bin stolz auf die, die wie mein Vater Widerstand geleistet haben, die Gesundheit und Leben aufs Spiel setzten.”

Für Konrad Arndt blieb Zivilcourage zeitlebens praktizierte innere Überzeugung. Er stammte aus einer sozialdemokratisch und gewerkschaftlich engagierten Familie, hatte eine Lehre als Metallarbeiter absolviert und 1921 aufgrund seiner vielversprechenden Begabung den ersten Lehrgang der gerade eröffneten Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main besuchen dürfen. Danach führte ihn sein Weg zunächst 1923 als Arbeitersekretär zum Deutschen Metallarbeiter-Verband nach Bautzen, 1926 zum Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund nach Wiesbaden.

Als Führer der dortigen Eisernen Front und des Reichsbanners Schwarz Rot Gold sowie seit 1929 auch als Stadtverordneter der SPD machte sich Konrad Arndt rasch einen Namen als glänzender antinazistischer Agitator. Nach der reichsweiten Besetzung der Gewerkschaftshäuser am 2. Mai 1933 teilte er das Schicksal vieler Antifaschisten: Fristlose Kündigung und „Schutzhaft” waren die Folge. Doch Arndt blieb standhaft gegenüber dem Ansinnen der Nazis, seine Popularität für eine Mitarbeit in der lokalen Leitung der „Deutschen Arbeitsfront” (DAF) zu nutzen. In seinem während der Haft geschriebenen Lebenslauf erklärte er kategorisch, er müsse es als charakterlos bezeichnen, wenn er seine Gesinnung aufgäbe.

Damit war klar, dass die Nazis ihn nicht schonen würden. Neben Haussuchungen und Beschlagnahmen folgten mehrfach tage- oder wochenlange Inhaftierungen. Im August 1935 wurde Arndt in das KZ Esterwegen im Emsland verbracht. Die Torturen, die er in der „Hölle im Moor” sowie anschließend im KZ Oranienburg erleiden musste, nahmen erst mit seiner Entlassung im November 1938 ein Ende.

Doch weder Berufsverbot noch ständige Überwachung und Verhöre, weder ein schon im Frühjahr 1933 auf ihn verübter Mordanschlag noch die Jahre der KZ-Haft hatten Arndts aufrechte, kämpferische Haltung brechen können. Erneut nahm er die Verbindung zu Widerstandskreisen auf. Diese halfen ihm, 1939 zum Heimat-Kraftwagenpark Frankfurt eingezogen zu werden, um dem ständigen Überwachungsdruck zu entgehen – leider vergebens. Am 13. November 1940 verunglückte er unter mysteriösen, nie geklärten Umständen auf einer Dienstfahrt tödlich. Es ist davon auszugehen, dass der unbeugsame Nazi-Gegner liquidiert wurde.

Die Konrad-Arndt-Biographie des Wiesbadener Historikers und Widerstandsforschers Axel Ulrich, anschaulich geschrieben und mit zahlreichen Illustrationen und Dokumenten sowie einer kleinen Literaturübersicht versehen, macht in eindrucksvoller Weise deutlich, was Zivilcourage damals bedeutete, als die Mehrheit der Bevölkerung sich der Diktatur andiente, ihr willenlos gehorchte oder zu ihren Untaten schwieg. Anders als die gegenwärtigen Nationalstolz-Debatten uns suggerieren wollen, können Menschen wie Konrad Arndt Vorbild für uns sein, der aktuellen braunen Gefahr unter demokratischen Strukturen nicht tatenlos zuzusehen.

Axel Ulrich: Konrad Arndt. Ein Wiesbadener Gewerkschafter und Sozialdemokrat im Kampf gegen den Faschismus. Hrsg.: IG Metall Verwaltungsstelle Wiesbaden-Limburg und Verein Volkshaus J.P., Wiesbaden 2001.
Renate Knigge-Tesche
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Geschlechtsspezifische Erfahrungen von Frauen im Holocaust
Der Rassenwahn und die Vernichtungspolitik des NS-Regimes machten keine Geschlechtsunterschiede. Unterschiedslos wurden jüdische Männer und Frauen in allen Ländern Europas in Ghettos zusammen getrieben und interniert, in die Vernichtungslager deportiert, selektiert und früher oder später ermordet. Auch Zyklon B trennte nicht zwischen männlich und weiblich. Jedem und jeder war derselbe Erstickungstod vorbestimmt. Ihre Leichen wurden gemeinsam in denselben Krematorien verbrannt oder in Massengräbern verscharrt. Und doch war der Weg in die Vernichtung und das Leben im Holocaust von geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern geprägt, die Männer speziell als Männer tangierten, Frauen speziell als Frauen. Wodurch unterschied sich das Schicksal der Frauen von dem ihrer Söhne, Männer, Väter oder Freunde – und wie lässt sich dieser Unterschied erklären, falls es überhaupt eine Erklärung gibt?

Siebzehn aufwühlende Zeitzeugenberichte exemplifizieren die Komplexität und Verschiedenartigkeit individueller Erfahrungen von Frauen auf der Flucht und im Exil, bei der Deportation, im Ghetto und Konzentrationslager, bei der Zwangsarbeit, im Widerstand und Überleben im Untergrund. Der präzise Blick auf weibliche Wahrnehmungsaspekte beleuchtet deren besondere Leidensbedingungen – ohne Abgrenzung gegenüber den Leiden der männlichen Opfer.

Vor der Internierung in Ghettos durchlebten Männer wie Frauen tiefe Krisen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Mit der zunehmenden Diskriminierung der Juden und ihrer Verdrängung aus dem öffentlichen Leben verloren die Männer ihre Arbeit und damit gleichzeitig ihre ökonomische Basis und ihren sozialen Status. Nicht selten mussten Frauen dann die Ernährerrolle übernehmen, freilich in untergeordneten Stellen als Hausgehilfinnen, Wäscherinnen oder Näherinnen. Dieser Rollenwechsel veränderte die Partnerbeziehungen mit unterschiedlichen Herausforderungen und Erschütterungen.

Den Ghettoalltag prägten Frauen allein durch ihre bloße Gegenwart als Ehefrauen, Mütter, Schwestern, Geliebte oder Freundinnen, aber auch durch ihre Dienstleistungen im Bereich der Kinder- und Krankenpflege. Sozialisiert auf Fürsorge, stopften die Frauen löchrige Socken der Männer, flickten zerschlissene Kleidung, hielten die Unterwäsche in Ordnung und sorgten auf diese Weise für menschliche Selbstachtung, die unabdingbar war für den Überlebenswillen.

Alle Frauen schreiben in ihren Erinnerungen, welchen Wert sie bei aller Entmenschlichung auf ihr äußeres Erscheinungsbild legten, um den Lageralltag körperlich und geistig durchzustehen. Ein versteckter Lippenstift oder Make-up waren kostbare Schätze, die bei lebensentscheidenden Anlässen, zum Beispiel bei Selektionen, untereinander ausgeliehen wurden. Nur diejenigen, die einen „gesunden“ Eindruck machten, hatten die Chance des längeren Überlebens. Bei der Ankunft in den Konzentrationslagern wurden Frauen die Haare kurz geschnitten, die der Männer auf drei Millimeter gekürzt. Die Berichte zeigen, dass Frauen extrem unter dem Verlust dieses Weiblichkeitsattributs litten. Auch die ungeschützte Nacktheit vor SS-Wachmannschaften und Ärzten empfanden sie weitaus demütigender und erniedrigender, weil sie nicht mit zwei Händen zu bedecken war.

Ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern fällt auch im Umgang mit der Lagerkleidung auf: Bei der Einlieferung in ein KZ erhielten Männer und Frauen wahllos Kleidungsstücke ausgeteilt, ohne dass auf Größe und Passform Rücksicht genommen wurde. Ruth Bondy, geboren 1923 in Prag und Überlebende des Ghettos Theresienstadt sowie der Vernichtungslager Auschwitz und Bergen-Belsen, schreibt, dass die Männer in ihren Hüten ohne Krempe und in den zu kurzen oder zu langen, zu weiten oder zu engen Häftlingskleidern „wie traurige schwarze Störche“ aussahen. Frauen dagegen versuchten noch am Tag der Einlieferung, die ihnen ebenfalls willkürlich zugeworfenen Lagerkleider den Körpermaßen einigermaßen anzupassen und schadhafte Stellen auszubessern. Als Nähnadeln benutzten sie Holzsplitter, Fäden zogen sie aus ihren Schlafdecken.

Unter denselben Lagerbedingungen und derselben Mangelernährung konnten Frauen Hunger leichter ertragen und verfielen körperlich langsamer als männliche Häftlinge. Männer litten generell, bei gleicher Ration, stärker unter Hunger, Frauen dagegen erinnern als schrecklichste Erfahrung die mangelnde Hygiene, den Schmutz und das Ungeziefer in den Ghettos und Lagern. Viele Frauen schliefen lieber im Freien auf dem Boden als mit Wanzen in den Bettkojen. Unter diesen Umständen empfanden es die meisten Frauen als Erleichterung, dass nach wenigen Wochen Lagerhaft ihre Menstruation ausblieb, als Folge von Unterernährung und psychischem Ausnahmezustand. Die Natur zeigte Erbarmen mit den geschwächten Frauen. Gleichwohl löste diese Erfahrung bei den Jüngeren Ängste aus wegen einer zukünftigen (Un-)Fruchtbarkeit. Ein Überleben des Grauens erhofften sich Alle. Margit Schultz, geboren 1918, Überlebende von Auschwitz und der Zwangsarbeit im ungarischen Frauenlager Peterswaldau (einem Außenkommando des KZ Groß-Rosen), berichtet: „Nach der Befreiung wurden wir behandelt. Und es ist ein Wunder, wenn wir noch Kinder bekommen haben. Sehr viele Frauen haben geheiratet und keine Kinder mehr bekommen.“

Die katastrophalen Hygieneverhältnisse, Unterernährung und Überbelegung der Baracken machten die meisten Ghetto- und Lagerinsassen anfällig für eine nicht enden wollende Kette von Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose, Fleckfieber, Krätze und vieles andere mehr. Im Allgemeinen waren in Ghettos wie Theresienstadt (Terezín) Krankheit und Tod unter Frauen wie Männern gleich verbreitet. Doch in den Vernichtungslagern, so Ruth Bondy, entwickelten Frauen eine größere Widerstandsfähigkeit. So lange für sie auch nur ein Funken Hoffnung bestand, von einem Familienmitglied nach dem Ende des Holocaust gebraucht zu werden, so lange klammerten sie sich ans Leben. Mütter von heranwachsenden jungen Mädchen versuchten, bei den Selektionen ihre Töchter älter und kräftiger erscheinen zu lassen. Mädchen wiederum kaschierten nach Möglichkeit die Krankheiten ihrer Mütter, damit sie jünger und gesünder aussahen.

Ganz kleine und nur scheinbar triviale Erlebnisse ermöglichten es ihnen, die tagtägliche Lagerhölle zu ertragen: Sie diskutierten über Kochrezepte aus ihrem früheren Leben, gaben sich Ratschläge beim Zuschneiden und Nähen virtueller Kleider, hielten das Grauen und Leiden in Gedichten oder Zeichnungen fest, bastelten aus Brotkrumen, Stoff-Fetzen und Abfällen winzige Spielzeuge für die Kinder.

In Theresienstadt wurden ab Sommer 1943 alle neugeborenen Kinder zusammen mit ihren Müttern auf dem nächsten Transport in den Osten geschickt, eine Reise, die die Kleinen auf direktem Weg in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau führte. „Nach den Richtlinien der SS brachte jedes jüdische Kind automatisch seiner Mutter den Tod“, schreibt die Ärztin Lucie Adelsberger, die Auschwitz überlebte. Bei den Selektionen brachten es die meisten Mütter nicht übers Herz, ihre Kinder allein in den Tod zu schicken. Sie entschieden sich, bis zum Ende bei ihnen zu bleiben und gingen gemeinsam mit ihnen in die Gaskammern.

Der Herausgeberin Barbara Distel, seit 25 Jahren Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau und Mitherausgeberin der renommierten „Dachauer Hefte“, ist mit diesem Sammelband ein unverzichtbarer, längst überfälliger Beitrag zur Grundlagenliteratur des Holocaust gelungen. Dies umso mehr, als im Zusammenhang mit Forschungen zum nationalsozialistischen KZ-System die Geschichte der Frauen lange Zeit ein vernachlässigtes Thema war. Zu lange wurde die Methode der „oral history“, der erlebten, erzählten Geschichte, in Deutschland – im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern – als unwissenschaftlich abgelehnt, mit der Konsequenz, dass die Zurückgekehrten mit ihren quälenden Erinnerungen an das durchlebte Grauen auf taube Ohren stießen und allein gelassen wurden.

Dieses Dokument ist eine späte Hommage an all jene Holocaust-Geretteten, die mit ihrer unbeschreiblichen Last an Wissen über Leben und Tod und der Tatsache, zu den wenigen „Übriggebliebenen“ zu gehören („wie ein Staubkörnchen, das nicht zerrieben wurde“ – Halina Birenbaum), weiterleben mussten, ohne einen Ort der Trauer und der Zeugenschaft in sich zu tragen.

Barbara Distel (Hg.): Frauen im Holocaust. Gerlingen: Bleicher-Verlag, 2001. Monika Schmittner
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Zur Erinnerung an Paul, Ella und Elvira Eisenschneider 
Vielen Ortes ist über die Frauen und Männer, die im Kampf gegen den Hitlerfaschismus ihr Leben verloren haben, wenig bekannt – oft scheinen sie schon vergessen. Diese Gefahr bestand auch in Fischbach an der Nahe im Kreis Birkenfeld. Die Alternative Liste im Kreistag von Birkenfeld unter dem Vorsitz von Sonja Gottlieb hat sich dagegen gewandt.

Der 100. Geburtstag von Paul Eisenschneider am 5. Mai 2001 bot dazu den Anlass. Veranstaltungen wurden zur Erinnerung an Paul Eisenschneider und seine Familie organisiert. Sie standen in Verbindung mit der Publikation des Historikers Luitwin Bies über die Geschichte der Familie Eisenschneider.

Paul Eisenschneider entstammt einer Lehrerfamilie aus Fischbach. Nach dem Besuch der Oberrealschule fuhr er als Matrose auf einem Handelsschiff zur See, später erlernte er den Beruf eines Edelsteinschleifers. Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der Novemberrevolution führten ihn zunächst in die USPD und 1922 in die KPD. 1923 heiratete Paul Eisenschneider Ella Korb, die ebenfalls aus Fischbach stammte. Am 22. April 1924 wurde ihr einziges Kind, die Tochter Elvira, geboren. Paul Eisenschneider hat das politische Leben in seinem Heimatort mitgeprägt. In Fischbach und Umgebung half er, die KPD aufzubauen. Im Gemeinderat vertrat er die Interessen der sozial Schwachen. Schon früh spielte die Auseinandersetzung mit dem Hitlerfaschismus eine Rolle. Bereits Ende 1932 musste er den Kreis Birkenfeld verlassen und ins nahegelegene Saargebiet übersiedeln. Von dort aus nahm er am Widerstand gegen die NS-Diktatur teil. Seine Familie blieb in Fischbach zurück. Bei einer Haussuchung im Frühjahr 1934 wurde Ella Eisenschneider so schwer misshandelt, dass sie zum Krüppel wurde. Kurze Zeit später gelang es der Frau und ihrer 10jährigen Tochter, ins Saargebiet zu fliehen. Ihr weiterer Weg führte 1935 über Frankreich in die Sowjetunion. Elvira wuchs im Internationalen Kinderheim in Iwanowo auf, während ihre Mutter in Moskau lebte.

Paul Eisenschneider arbeitete im Auftrag des Zentralkomitees der KPD bei der Abschnittsleitung West in Amsterdam und half, den Widerstand im Ruhrgebiet zu organisieren. Am 15. September 1936 wurde er verhaftet und am 24. März 1937 vom Volksgerichtshof zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt. Am 19. April 1944 ermordeten ihn die Nazis im KZ Mauthausen.

Das Leben Paul Eisenschneiders steht im Zentrum der Veröffentlichung. 14 Fotos und mehrere Faksimile helfen, die Familie Eisenschneider kennenzulernen. Nicht gleichermaßen detailliert wird über das weitere Schicksal von Ella und Elvira Eisenschneider berichtet. Die Tochter Elvira ist fast zur gleichen Zeit wie ihr Vater im KZ Sachsenhausen umgebracht worden. Sie war in der Sowjetunion zur Fallschirmspringerin ausgebildet worden und kam Ende 1943 zum Einsatz. Das Mädchen wurde nur 20 Jahre alt. Zwischen ihr und ihrer kranken Mutter bestand ein sehr enges Verhältnis. Deutlichster Beweis dafür sind 19 Briefe, die Elvira vom Frühjahr 1941 bis zum 13. März 1943 an ihre Mutter geschrieben hat. Luitwin Bies stand diese Quelle offenbar nicht zur Verfügung. Ella Eisenschneider ist am 21. De-zember 1977 in Berlin verstorben. Sie hat bis zum Schluss viel dafür getan, die Erinnerung an ihren Mann und ihre Tochter wachzuhalten.

Luitwin Bies: Paul, Ella und Elvira. Über den Lebensweg der Eisenschneiders aus Fischbach an der Nahe. Hg.: Alternative Liste Kreis Birkenfeld. Idar-Oberstein 2001. Karl Heinz Jahnke
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Erinnerung an Fredzia Kielbik und andere 
Die zwölfjährige Fredzia Kielbik lernte 1943 als Schwesternschülerin in einem Krankenhaus im Warschauer Ghetto. Ihre Mutter war an Typhus gestorben und mit dem gebrochenen und kranken Vater teilte sie die minimale Brotration. Das Mädchen gehörte zu den Letzten, die von der Deportation in ein Vernichtungslager verschont wurden. Als die letzten Kranken abgeholt wurden, versteckte sie sich nicht und ging mit ihnen in den Tod.

Mit vielen solcher Geschichten von ihrer Familie und ihren Freundinnen, den Kämpferinnen und Kämpfern des Aufstandes im Warschauer Ghetto von 1943 und des Warschauer Aufstandes von 1944 erinnert Alina Margolis-Edelman an ermordete und überlebende Menschen. Viele Erzählungen sind dramatisch und machen traurig, andere lassen schmunzeln. Mit ihren Texten hält die Berichtende einen Teil der Geschichte lebendig, der sonst wohl vergessen worden wäre.

Die Kindheit – in der religiöse Bräuche keine Rolle spielten – verbrachte sie in Lodz, wo ihr Vater als Arzt und Leiter eines großen Krankenhauses arbeitete und sich in der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei „Bund“ engagierte. Kurze Zeit nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde er erschossen. Ihre Mutter war „Ärztin vom Typ der Sozialarbeiterin“. Die Kinderärztin überlebte und rettete Alina und ihren Bruder Olek.

Alina lebte als katholische Jugendliche im „arischen“ Teil Warschaus getarnt bei einer Architektenfamilie, die Juden nicht ausstehen konnte. Heimlich arbeitete Alina als „Tochter eines polnischen Offiziers, der sich in Kriegsgefangenschaft befand“, für die jüdischen Aufständischen, half Verfolgten mit einem Versteck und als Sanitäterin. In dieser Funktion wirkte sie auch beim Warschauer Aufstand 1944 bei einer Erste-Hilfe-Station der Untergrundarmee. Einer der Verwundeten wurde später ihr Ehemann: „Ich wusste damals nicht, daß ich den künftigen Vater meiner Kinder trug.“ Nach der Befreiung ging sie nach Lodz zurück, studierte an der dortigen Universität Medizin und heirate „ihren“ Verwundeten.

Alina Margolis-Edelman: Als das Ghetto brannte. Eine Jugend in Warschau. Aus dem Polnischen von Beate Kosmala. (Bibliothek der Erinnerung. Hrsg. von Wolfgang Benz. Band 6). Berlin: Metropol Verlag, 2000
Kurt Schilde
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Reichstagsbrand: Wie Geschichte gemacht wird.
Zu den bis heute umstrittenen Fragen der NS-Zeit zählen der Reichstagsbrand und seine Folgen. Obwohl offenkundig ist, dass die Hitlerregierung selbst der SA den Befehl zur Brandstiftung am Abend des 27. Februar 1933 gegeben hat, wird von maßgeblichen Kreisen der Geschichtswissenschaft ein anderes Bild gezeichnet, das nach wie vor in Schulbüchern seinen Niederschlag findet. In dem 1998 vom Schroedel Verlag herausgegebenen Lern- und Arbeitsbuch „Geschichte Konkret 3“ heißt es: „In der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 legte der kommunistische Einzeltäter Marinus van der Lubbe Feuer im Reichstagsgebäude in Berlin. Der Brand passte den Nationalsozialisten so gut ins Konzept, dass damals viele meinten, er sei von ihnen selbst angezündet worden.“ (S. 42)

Zwei „Außenseiter“, der Historiker Alexander Bahar (Jg. 1960) und der Physiker Wilfried Kugel (Jg. 1949), haben sich über ein Jahrzehnt mit dem Reichstagsbrand beschäftigt und als Ergebnis ihrer Studien die bisher umfassendste Untersuchung vorgelegt, an der künftig keiner, der sich ernsthaft mit dem Thema befasst, vorbeigehen kann. Im Zentrum ihrer Untersuchung stehen drei Fragen: Was geschah am Abend des 27. Februar? Wer waren die Täter? Welche Folgen hatte der Reichstagsbrand?

Die wichtigste Grundlage bilden erstmalig vollständig ausgewertete Akten aus dem früheren Institut für Marxismus-Leninismus der KPdSU in Moskau, die bis 1989/90 unzugänglich waren. Es geht um 244 Aktenbände mit 50.494 Blättern. Dabei handelt es sich um die Ermittlungsakten der Gestapo, die Akten des Reichsgerichts und des Oberreichsanwalts, die Protokolle des Leipziger Reichstagsbrandprozesses sowie um Anklageschrift und Urteil. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis: der Holländer van der Lubbe war nicht Alleintäter, die Nazis steckten den Reichtag selbst an.

Der Brand wurde zum Ausgangspunkt für Massenverhaftungen von Antifaschisten und für die Zerstörung der Reste der Weimarer Demokratie. Die Idee stammte von Goebbels, und die Ausführung durch Angehörige der Berliner SA stand unter Leitung des Reichstagspräsidenten und preußischen Innenministers, Göring.

Das Buch umfasst elf Kapitel. Die ersten drei Teile beinhalten die Tat und deren Hintergründe. Im vierten Kapitel erfolgt die Auseinandersetzung mit den unmittelbaren amtlichen Ermittlungen und den Gegenermittlungen, die ihren Höhepunkt im September 1933 im Londoner Gegenprozess fanden. Es schließt sich die Darstellung des Leipziger Reichstagsbrandprozesses an, der am 23. Dezember 1933 mit dem Todesurteil gegen van der Lubbe und den Freispruch der übrigen Angeklagten endete. Die Hinrichtung des Holländers fand bereits am 10. Januar 1934 in Leipzig statt. Seine Biographie und die Manipulationen der NS-Justiz um seine Person bestimmen den Inhalt des sechsten Kapitels. Die zwei nächsten Teile stellen die wirklichen Brandstifter vor und informieren über Nazimorde an Mitwissern. Dem im Prozess mitangeklagten Vorsitzenden der Reichstagsfraktion der KPD, Ernst Torgeler, ist ein eigenes Kapitel unter der Überschrift „Opfer oder Instrument?“ gewidmet. Das zehnte Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle von Rudolf Diels, dem ersten Chef der Gestapo, einem der Hauptverantwortlichen für den Terror nach der Brandstiftung.

Das letzte Kapitel ist überschrieben „Nach 1945: Der Reichstagsbrand in der Kontroverse“. Es steht in engem Zusammenhang mit dem Untertitel des Gesamtwerks „Wie Geschichte gemacht wird.“ In den ersten Jahren nach Kriegsende erschienen mehrere Publikationen, in denen in Übereinstimmung mit den Tatsachen die Hitlerregierung als Verantwortliche für den Reichstagsbrand dargestellt und auch Aussagen über die Gründe der Fälschung des Geschehens durch die NS-Regierung getroffen wurden.

Ehemalige Gestapobeamte und andere Träger der NS-Diktatur wurden in den 50er Jahren aktiv. Ihr Ziel war, das vermittelte Bild in Frage zu stellen. Die Gegenmaßnahmen erreichten ihren Höhepunkt mit der Publikation einer Serie von elf Folgen im „Spiegel“ vom 21. Oktober 1959 bis Anfang 1960 unter dem Titel „Stehen Sie auf, van der Lubbe. Der Reichstagsbrand 1933 – Geschichte einer Legende“. Autor war der Hannoveraner Oberregierungsrat im Amt für Verfassungsschutz, Fritz Tobias. Offiziell erschien nur dieser Name, aber im Hintergrund waren Redakteure des „Spiegel“ tätig, die im NS-Staat leitende Positionen eingenommen hatten. Direkt verantwortlich für die Serie war der ehemalige Pressechef des NSDAP-Außenministers Ribbentrop, Paul Karl Schmidt. Ein Hauptziel der Publikation war die Untermauerung des Urteils im Reichstagsbrandprozess über die Alleintäterschaft des Kommunisten van der Lubbe. Angesehene Historiker des Instituts für Zeitgeschichte in München bestätigten in „Fachgutachten“ die Aussagen von Tobias. Der Einfluss dieser Kreise war so groß, dass bis heute das 1959/60 gezeichnete Bild dominiert. Den Autoren kommt das Verdienst zu, derartige Darstellungen als falsch widerlegt und die Hintergründe für ein derartiges Verhalten offenkundig gemacht zu haben. Mit vollem Recht fordern sie die Wiederaufnahme des Reichstagsbrandprozesses, um endlich der historischen Wahrheit genüge zu tun.

Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. Berlin: edition q, 2001
Karl Heinz Jahnke
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Exil in Prag
Willi Bredel zählt zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern proletarischer Herkunft. Am 2. Mai 2001 jährte sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal. In der Öffentlichkeit geschah wenig, um an ihn und seine zahlreichen Bücher zu erinnern. Anders war es in seiner Geburtsstadt Hamburg. Hier war die Willi-Bredel-Gesellschaft Gastgeber anspruchsvoller Veranstaltungen. Auf ihre Initiative erschien auch die Publikation von René Senenko „Willi Bredels Exil in Prag 1934“. Am 16. März 1934 wurde Willi Bredel aus der Nazi-Haft im Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel entlassen. Zwei Monate später, an den Pfingsttagen, gelang ihm die Flucht über die schlesische Grenze in die Tschechoslowakei. Bis Ende Juli 1934 fand der Schriftsteller in Prag Aufnahme und solidarische Hilfe. Hier schrieb er seine Erinnerungen an dreizehn Monate Haft im KZ Fuhlsbüttel. Es entstand das Buch „Die Prüfung“, ein erster authentischer Bericht über den brutalen Terror gegen Andersdenkende in Hitlerdeutschland. Bekannt war bisher, dass Bredel in Prag von tschechischen und deutschen Schriftstellern unterstützt wurde. Hierzu gehörten u.a. F. C. Weiskopf, Wieland Herzfelde und Ernst Ottwald. Wesentlich war auch die Hilfe durch das vom tschechischen Literaturwissenschaftler F. Salda gegründete „Hilfskomitee für Emigranten aus Deutschland“.

Bei seinen Recherchen in Prag und in Deutschland konnte Senenko ermitteln, daß die Prager Malerin Hella Guth entscheidenden Anteil an der Sicherung nötiger Lebens- und Arbeitsbedingungen für Willi Bredel in Prag hatte. Die Künstlerin hatte in Wien studiert und sich schon einen Namen als Graphikerin und Pressezeichnerin gemacht. Bekanntgeworden war sie u.a. durch eine Holzschnittmappe zu Brechts „Dreigroschenoper“ und eine Solidaritätskarte für die Hauptangeklagten im Leipziger Reichstagsbrandprozess. Der Atelier befand sich in der Nähe des Hradschins, in der Pod Bastami Nr. 299. Hier konnte Willi Bredel wohnen und in Ruhe sein Buch schreiben. Ende Juli 1934 verließ er Prag bereits wieder. Sein nächstes Ziel war die Sowjetunion. Hier sprach er am 25. August auf dem 1. Allunionskongreß der sowjetischen Schriftsteller über seine Erfahrungen in faschistischer Haft und rief zur Solidarität mit den in Deutschland festgenommenen Antifaschisten auf. Fast zur gleichen Zeit erschien in Prag in der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ in neun Folgen ein Kapitel aus dem Roman „Die Prüfung“. 1935 kamen Ausgaben des Buches in London und Moskau – 1936 in Paris – heraus. Mit diesem Werk trug Bredel wesentlich zur Aufklärung über die Verbrechen der NS-Diktatur gegenüber deutschen Hitlergegnern bei.

Senenko dokumentiert den Aufenthalt von Bredel in Prag eindrucksvoll, auch durch 24 bisher kaum veröffentlichte Fotos. Gleichzeitig vermittelt er Einblick in die Biographie von Hella Guth. Die Jüdin und bekannte Antifaschistin mußte Prag 1939, kurz vor dem Einmarsch der Wehrmacht, verlassen. Über Polen kam sie nach Großbritannien. 1951 ließ sie sich in Paris nieder, wo sie den Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens als Malerin erlebte.

René Senenko: Willi Bredels Exil in Prag 1934. Hamburg: Willi-Bredel-Gesellschaft, 2001. Karl Heinz Jahnke
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Feilschen zwischen Verbrechern und Opfern 
Der in Tel Aviv geborene und in Wien lebende Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici hat sich einem oft als heikel bezeichneten Thema zugewandt: Der erzwungenen Beteiligung jüdischer Institutionen und Funktionäre am Holocaust. Ausgangspunkt seiner Betrachtungen zur Geschichte des Judenrates in Wien ist das Ungleichgewicht der postfaschistischen Rechtsprechung: Das „Opfer, das schuldig geworden war, um sein Leben zu retten, wurde härter bestraft als viele nationalsozialistische Täter.“ (S. 394) Während beispielsweise der „Judenreferent“ der Geheimen Staatspolizei in Wien, Johann Rixinger, eine Strafe von zehn Jahren Haft erhielt, wurde der unter Todesdrohung für die Deportationen eingesetzte jüdische Helfer Wilhelm Reisz zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Einen Tag nach der Urteilsverkündung erhängte er sich in seiner Zelle.

Wien als die Stadt mit dem größten jüdischen Bevölkerungsanteil im deutschen Sprachraum fungierte als Ort des „Probelaufs“ für die Organisation der „Endlösung der Judenfrage“. Deshalb ist die Metropole Österreichs, in der 1934 rund 176.000 Menschen (9,4 Prozent der Bevölkerung) der Jüdischen Gemeinde angehörten, besonders gut geeignet, die Frage nach der jüdischen Beteiligung an den Deportationen in die Konzentrations- und Todeslager historiographisch aufzuarbeiten.

Die als Vollzugsorgan der staatlichen Behörde eingesetzten Funktionäre der verfolgten Minorität mussten als „Botengänger des Terrors“ (S. 143ff.) an der Verschleppungen mitwirken. Die jüdische Gemeinde war die „Überbringerin der schlechten Nachrichten“

(S. 145) und musste Hilfsdienste bei der Ausgrenzung und Konzentration, der Enteignung des Vermögens und Überwachung, Organisation und Durchführung der Massendeportationen erbringen. Aus diesem Grunde wurde häufig die Schuld für die Lage, in der sich die Wiener Judenheit befand, dem „Judenrat“ und seinen hauptamtlichen Angestellten oder ehrenamtlichen Helfenden angekreidet. Diese und nicht die Gestapo traten den Verfolgten meist als Ansprechpartner gegenüber. Die Wiener Funktionäre befanden sich in einem Teufelskreis. Sie mussten sich einer „Logik des Terrors“ (S. 166) unterwerfen und waren gezwungen, mit ihren Todfeinden zu kooperieren.

Die von der Gestapo kontrollierte, völlig ohnmächtige jüdische Gemeinde organisierte auch die Fürsorge für die in die Armut getriebenen Verfolgten: „Die jüdische Fürsorge hatte sich um diejenigen zu kümmern, die in die Sammellager verschleppt wurden, sie mit Essen zu versorgen, doch gleichzeitig suchte sie jene Habseligkeiten zusammen, die ihnen in den Lagern nicht mehr nutzen konnten, um sie an die Juden zu verteilen, die noch in Wien blieben, aber kein Bett, keine Matratze, keine Kleidung hatten. So griff das System der Vernichtung und der Versuch der Selbsthilfe und des Überlebens ineinander.“ (S. 256). Manchmal gelang es auch, kleinere Erleichterungen und Vergünstigungen zu erreichen oder zu einer Auswanderung zu verhelfen. Die Gemeindefunktionäre organisierten insgeheim in einzelnen Fällen sogar die legale Flucht und unterstützten Untergetauchte. Das „Feilschen zwischen Verbrecher und Opfer“ (S. 209) konnte sogar vorübergehend erfolgreich sein, wenn es um augenblicklich weniger wichtige Fragen ging. So mochte sich die Gestapo nicht mit Transportunfähigen herumplagen, solange noch gesunde Jüdinnen und Juden aus Wien deportiert werden konnten.

Rabinovici diskutiert die „Administration der Ohnmächtigen“ ausführlich anhand von vielen institutionellen und individuellen Beispielen.

Er zeichnet nach, dass und wie die Funktionäre Geiseln der Gestapo und in die Geheimhaltungsstrategie ihrer Mörder verstrickt wurden. Sie versuchten, sich in ihre Feinde hineinzudenken und unterstellten ein Mindestmaß an Rationalität. Sie hofften, deren verbrecherischen Vorhaben durchschauen und beeinflussen zu können, manchmal sogar mit Erfolg.

Die Funktionäre hatten zwar die administrative Leitung der Gemeinde, aber sie waren keine jüdische Führung und besaßen nur eine Scheinmacht. „Sie mussten belogen werden, weil sie eben keine nationalsozialistischen Befehlsempfänger waren, und sie konnten nur allzu leicht belogen werden, weil den Opfern das Verbrechen völlig widersinnig erscheinen musste.“ (S. 352) Sie waren eine bloße Instanz der Ohnmacht: „Die jüdischen Funktionäre nahmen durchaus wahr, dass ihre Hoffnungen täglich enttäuscht wurden, doch hatten sie keine andere Wahl, als wieder der Hoffnung zu folgen, rationale, ökonomische, strategische Sachzwänge würden über die Vernichtungswünsche der Mörder triumphieren.“ (S. 423)

Doron Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938–1945. Der Weg zum Judenrat. Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag, 2000. Kurt Schilde
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Wanderung zwischen zwei Welten 
Migration ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Wanderungsbewegungen nach Deutschland hat es schon immer gegeben. Es war die Not, die Menschen veranlasste, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Doch was bedeuteten in der Vergangenheit Fremdsein und Fremdheit auf dem Lande? Wie gelang die Integration in die neue Gesellschaft? Elf Fallstudien aus verschiedenen Regionen Bayerns spüren diesen Fragen an konkreten Beispielen nach.

Der Beitrag von Hartmut Heller führt 300 Jahre zurück in die Zeit der Türkenkriege, als „seltsame Dorfgenossen aus der Türkei“ sich mit der katholisch geprägten Gesellschaft in Franken, Kurbayern und Schwaben auseinandersetzen mussten. Drei Studien gehen auf die Situation italienischer Arbeitsemigranten im 19. Jahrhundert ein. Ernst Höntze schildert den Lebensweg des Pfannenflickers Pietro Zannantonio, der sich im oberbayerischen Starnberg niederließ. Aus „Pietro“ wurde mit den Jahren Peter, aus Zannantonio „Zanadoni“. Als gelungene Integration ist auch die Niederlassung der italienischen „Terrazzieri“ in Franken zu bezeichnen (Herbert May). Die Terrazzoleger arbeiteten zunächst in lohnabhängigen Stellen, bevor sich viele in Bayreuth, Bamberg, Hof, Würzburg, Nürnberg, Gerolzhofen und Bad Kissingen selbstständig machten. Den „Zieglern aus Friaul“ widmet sich die Studie von Martin Ortmeier, die aus materieller Not Norditalien verließen, um als Ziegelschläger im fremden Niederbayern ein karges Auskommen zu finden. Die „Wandermusikanten“ (Ralf Heimarth) suchten in aller Regel keine neue Heimat. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit Musik und Unterhaltung auf den Dorfplätzen und waren - obwohl fremd und mit Argwohn betrachtet - eine willkommene Abwechslung im eintönigen Alltag auf dem Lande.

Der Aufsatz von Siegfried Laferton beleuchtet die von erschütterndem Heimweh begleitete „Kinderarbeit in der Fremde“. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wanderten Acht- bis Zwölfjährige aus Tirol, Vorarlberg und Graubünden jedes Frühjahr zu Fuß über die Alpenpässe, um als sogenannte „Schwabengänger“ zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Auf regelrechten „Kindermärkten“ suchten sich die schwäbischen Bauern ihre blutjungen Arbeitskräfte aus, die im Herbst ihre strapaziöse Fußreise zurück in ihre Heimat antraten. Erst bessere wirtschaftliche Strukturen in den Alpenländern, ein anderes Verständnis von Kindheit und der Vorrang einer schulischen Bildung brachte die Arbeitswanderungen der Kinder zum Erliegen.

In der Hallertau, Deutschlands größtem Hopfenanbaugebiet, wurden bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhundert „Fremde, flinke Hände für die Ernte“ benötigt. Maria-Luise Segl beschreibt den Alltag der saisonalen Hopfenzupferinnen aus dem Oberpfälzer, dem Bayerischen und dem Böhmerwald. Mit der Mechanisierung des Erntevorgangs ab Ende der 1950er Jahre wurden sie überflüssig.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von ausländischen Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg in der unterfränkischen Landwirtschaft untersucht Herbert May. Es ist die erste Regionalstudie, die sich auf die Zwangsarbeit im ländlichen Unterfranken begrenzt. Mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges befassen sich zwei weitere Aufsätze: Sibylle Scharrenberg beschreibt die beidseitigen Problemlagen und strukturellen Gegensätzlichkeiten zwischen Flüchtlingen, den „ungebetenen Gästen“, und Einheimischen in der unmittelbaren Nachkriegszeit am Beispiel eines Oberpfälzer Dorfes. Albert A. Feiber gibt einen Überblick über den Integrationsprozess der Flüchtlinge und schildert die allmähliche „Normalisierung“ der Fremdheit.

Der abschließende Beitrag von Maria Bruckbauer thematisiert die aktuelle Wanderarbeit im niederbayerischen Gemüsebau, speziell die Arbeitssituation der polnischen, kroatischen, rumänischen, slowenischen, tschechischen und ungarischen Gurkenpflückerinnen, die in jeder Saison mehr als tausend Kilometer weit anreisen - für einen Stundenlohn von 9,25 DM brutto.

Natürlich ist die Themenauswahl dieses ansprechend gestalteten und reich bebilderten Sammelbandes subjektiv und kann nur Facetten aufzeigen. Den Autorinnen und Autoren geht es vielmehr um einen Anstoß, über die komplexen Beziehungen zwischen Fremdem und Eigenem nachzudenken, über Integrations- und Ausgrenzungsprozesse, über das Fremde in der eigenen Kultur. Sie regen zur Reflexion über unseren Umgang mit Migranten aus historischer Perspektive an und können dadurch zur Versachlichung dieses heute mehr denn je emotional besetzten Themas auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene beitragen.

„Fremde auf dem Land“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der süddeutschen Freilichtmuseen. Die gleichnamige Wanderausstellung ist von Juni bis Oktober 2001 im Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren zu besichtigen, von Januar bis April 2002 im niederbayerischen Freilichtmuseum Finsterau.

Hermann Heidrich (Hg.): Fremde auf dem Land. Bad Windsheim: Verlag Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim, 2000. Monika Schmittner
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