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zum Heft "informationen" Nr. 53
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Kalendarium Ravensbrück: Handbuch der Beliebigkeiten
Grit Philipp: Kalendarium der Ereignisse
im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945.
Berlin: Metropol, 1999
Bernhard Strebel >>Mehr dazu
Von der Ausgrabung zur Ausstellung
Barbara Fenner: Wir machen ein
KZ sichtbar. Katalog zur Schülerausstellung über das Lager XI des größten Außenkommandos
des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau im Bunker der Welfenkaserne Landsberg.
Landsberg: Hofstetten, 2000
Joachim Neander >>Mehr dazu
Ausgegrenzt
Joachim Klieme: Ausgrenzung aus der
„NS-Volksgemeinschaft“. Herausgegeben vom Braunschweiger Geschichtsverein. Braunschweig
1997
Wolfgang Janz >>Mehr dazu
"... als ob wir Feinde wären"
Gerhard Brändle, Sarah Hary: „... als
ob wir Feinde wären“. Jüdische Kinder und Jugendliche in Pforzheim 1933-1945.
Vom Schul-Ghetto am Osterfeld zur Deportation ins Lager Gurs.
Hrsg. Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 2000 (Pforzheimer Hefte Band 10)
Ursula Krause-Schmitt >>Mehr dazu
Der 8. März bleibt unverzichtbar
Siegfried Scholze: Der Internationale
Frauentag einst und jetzt. Geschichtlicher Abriß und weltweite Tradition vom Entstehen
bis zur Gegenwart. Berlin: trafo Verlag, 2000
Ursula Krause-Schmitt >>Mehr dazu
Orte des Erinnerns: Niedersachsen und Sachsen-Anhalt
Reinhard Jacobs: Terror unterm Hakenkreuz.
Orte des Erinnerns in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Hg.: IG Metall Bezirk
Hannover. Göttingen: Steidl-Verl., 2000
Wolfgang Janz >>Mehr dazu
Aus der Sowjetunion verschleppt nach Deutschland
Herbert Diercks (Hg.): Verschleppt nach Deutschland!
Jugendliche Häftlinge des KZ Neuengamme aus der Sowjetunion erinnern sich. Hrsg.
im Auftrag des Freundeskreises KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V. und der KZ-Gedenkstätte
Neuengamme. Bremen: Edition Temmen, 2000
Karl Heinz Jahnke >>Mehr dazu
Ein jüdisches Tagebuch 1933-1940
Walter Tausk: Breslauer Tagebuch 1933 - 1940.
Hrsg. v. Ryszard Kincel.
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2000
Karl Heinz Jahnke >>Mehr dazu
Briefe von Anna Seghers
Anna Seghers: Hier im Volk der kalten Herzen.
Briefwechsel 1947. Hrsg. v. Christel Berger. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag,
2000
Karl Heinz Jahnke >>Mehr dazu
Westfälische Finanzbehörden und der Terror gegen die
Juden
Alfons Kenkmann. Bernd-A. Rusinek (Hg.): Verfolgung
und Verwaltung. Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die westfälischen
Finanzbehörden. Münster: Oberfinanzdirektion Münster, 1999
Karl Heinz Jahnke >>Mehr dazu
Im letzten Augenblick
Truus Menger: Im letzten Augenblick.
Selbstverlag. 3. Auflage, 2000
Zu beziehen über: Stichting Nationale Hannie Schaft-Herdenking p/a Skager Rak
29, NL - 1501 AX Zaandam. www.hannieschaft.nl
Ursula Krause-Schmitt >>Mehr dazu
Gegen Hitler
Karl Heinz Jahnke: Gegen Hitler. Gegner
und Verfolgte des NS-Regimes in Mecklenburg 1933-1945. Rostock: Edition Neue Hochschulschriften,
2000
Dietrich Marquardt >>Mehr dazu
Die "offene Stadt" Shanghai als letzter
Fluchtort
Georg Armbrüster, Michael Kohlstruck,
Sonja Mühlberger (Hrsg.): Exil Schanghai 1938-1947. Jüdisches Leben in der Emigration.
Mit Erstveröffentlichung von 14.800 Eintragungen der Ausländerliste der japanischen
Fremdenpolizei auf CD-ROM. Teetz: Hentrich & Hentrich, 2000
Kurt Schilde >>Mehr dazu |
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Kalendarium Ravensbrück: Handbuch der Beliebigkeiten
Kritische Anmerkungen zu: Grit Philipp: Kalendarium der Ereignisse im
Frauen-Konzentrationslager
Ravensbrück 1939-1945
55 Jahre nach deren Befreiung sind wir noch immer ziemlich schlecht über
die nationalsozialistischen Konzentrationslager informiert, trotz der kaum
noch überschaubaren Fülle an Literatur, die zum größten Teil aus
Berichten von Überlebenden besteht. Nach wie vor mangelt es für die
Mehrzahl der großen Lager an wissenschaftlichen Gesamtdarstellungen.
Gleichfalls unaufgearbeitet ist die Geschichte zahlreicher Außenlager.
Insofern ist jeder Versuch zu begrüßen, die erhaltenen Fragmente einer
ehedem hochverschriftlichten Verwaltung zu einer Ereignischronologie
zusammenzusetzen und durch weitere Quellenbestände zu ergänzen. Wie
hilfreich dies für jegliche weitergehende Forschung sein kann, hat das
von Danuta Czech vorgelegte Auschwitz-Kalendarium gezeigt.(1) Andere
Gedenkstätten mögen ihre Gründe haben, warum sie ein derartiges
Vorhaben bislang nicht angegangen sind; die Mahn- und Gedenkstätte
Ravensbrück hat es nun mit großzügiger Unterstützung des
Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gewagt.
Zugegeben: die gestellte Aufgabe war nicht einfach. Die äußerst
unterschiedlichen Quellen sind lückenhaft und zudem weit verstreut, auch
wenn sich vieles bereits in Kopie in der Gedenkstätte befand; ein
Bearbeitungszeitraum von weniger als vier Jahren war nicht gerade üppig.
Allerdings waren die Rahmenbedingungen im Vorfeld bekannt und taugen nicht
als Erklärung dafür, daß das nun von Grit Philipp vorgelegte Ergebnis
nicht nur weit hinter dem erklärten Vorbild von Czech zurückbleibt,
sondern in dieser Form nicht hätte veröffentlicht werden dürfen.
Ein Kalendarium ist dazu da, um befragt zu werden. Die Antworten müssen
verläßlich sein, da ein derartiges Werk automatisch zum Nachschlage- und
damit zum Standardwerk wird. Die vorhandenen Quellen müssen erschlossen
und auf ihren Aussagewert geprüft werden. Quellenkritik ist oberstes
Gebot, und es muß nachvollziehbar bleiben, aus welcher Quelle welche
Information stammt. Darüber hinaus gilt es aus der Fülle von höchst
unterschiedlichen Ereignissen diejenigen herauszufiltern, die von
grundlegender Bedeutung für die Lagergeschichte sind. All dies läßt das
in ansprechendem Layout erschienene 350 Seiten starke
Ravensbrück-Kalendarium in vielerlei Hinsicht vermissen.
Wiederholungen und Ungereimtheiten
Zunächst erstaunt es, die Chronologie der eintreffenden
Häftlingstransporte einmal ins eigentliche Kalendarium eingearbeitet zu
finden und ein zweites Mal als knapp 100seitigen tabellarischen Anhang.
Beide Aufstellungen überschneiden sich in weiten Teilen, wobei der
weitaus größte Teil der Schnittmenge aus der Studie der polnischen
Historikerin und Überlebenden des Lagers Wanda Kiedrzynska von 1965(2)
übernommen wurde und somit nicht die behauptete erstmalige
Veröffentlichung darstellt, allenfalls die in deutscher Sprache. Dort, wo
sie sich unterscheiden, erweisen sich nicht wenige der von Philipp
vorgenommenen Ergänzungen als fragwürdig, andere als unzutreffend,
beispielsweise der Transport mit 230 Französinnen im Januar 1943, der
nicht nach Ravensbrück, sondern nach Auschwitz ging.(3)
Bedauerlicherweise wurden beide Aufstellungen nicht hinreichend
abgeglichen, was die Autorin vor diesem und weiteren Fehlern bewahrt
hätte. Andere (bereits bekannte) Transporte wiederum sucht man in beiden
Aufstellungen vergeblich, beispielsweise den mit etwa 600 Sinti und Roma,
der das "Zigeunerlager" kurz vor der Ermordung der verbliebenen
knapp 3.000 Männer, Frauen und Kinder in den Gaskammern von
Auschwitz-Birkenau in der Nacht auf den 3. August 1944 verließ.(4)
Berücksichtigt man nur eine Aufstellung der Zugänge und ignoriert den
angehängten Bildteil, bleiben etwa 200 Seiten. Und die haben es in sich,
und zwar jenseits der zahlreichen kleineren Fehler (unterschiedliche
Bezeichnungen für ein Archiv, falsch geschriebene Namen, fehlerhafte
Angaben von SS-Rängen sowie fehlerhafte Literaturangaben), die bei
großzügiger Auslegung als Schreib- oder Flüchtigkeitsfehler bezeichnet
werden können, trotz allem aber ebenso ärgerlich bleiben wie eine Reihe
nicht aufgelöster Abkürzungen, das unvollständige Register und die
oberflächliche und lediglich vier Seiten umfassende
"Auswahlbibliographie".
Bei den nicht die Zugänge betreffenden, etwa 120 Seiten umfassenden,
Einträgen gibt Philipp an, sich in erster Linie auf Häftlingsberichte zu
stützen. Dabei weist sie in der Einleitung ausdrücklich darauf hin, wie
problematisch deren dokumentarischer Charakter, insbesondere hinsichtlich
von exakten Datierungen ist. Hinzu kommt, daß die Autorin in einer
Fußnote einräumt, daß der von ihr vornehmlich genutzte und von der
ehemaligen Gefangenen Erika Buchmann zusammengetragene Bestand bei weitem
nicht ausschließlich aus Erinnerungsberichten, sondern unter anderem auch
aus Prozeß- und Ermittlungsunterlagen, nachträglich erstellten Listen
und Auszügen aus Sekundärliteratur besteht. Trotzdem zitiert sie
sämtliche Unterlagen aus diesem Bestand als "Berichte". Außer
einer nicht aufgeschlüsselten Berichtsnummer gibt sie nur selten weitere
Informationen, was einer Unkenntlichmachung der Quellen gleichkommt und
auf eine vollkommen unnötige Verstümmelung des größten Teils der
präsentierten Informationen hinausläuft.
Problematisches Konzept
Wie der Titel schon sagt, behandelt das Ravensbrück-Kalendarium
ausschließlich das Frauenlager. Diese verengte Perspektive fällt hinter
den mittlerweile erreichten Forschungsstand zurück, denn Ravensbrück war
nicht nur das zentrale und neben dem in Auschwitz-Birkenau größte
Frauenlager des KZ-Systems, sondern entwickelte sich zudem im Laufe der
Zeit zu einem regelrechten Lagerkomplex. Dieser umfaßte innerhalb der
Lagermauern ab 1940 einen Industriehof mit den Werkstätten der SS-eigenen
"Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH" (Texled) und
ab April 1941 ein kleines Männerlager. In unmittelbarer Nähe des Lagers
kamen ab August 1942 Fertigungshallen des Elektrokonzerns Siemens &
Halske und im Dezember 1944 das dazugehörige "Siemenslager"
hinzu sowie ab Juni 1942 das in vielfacher Weise mit dem Frauenlager
verbundene Jugend-KZ Uckermark für minderjährige weibliche Häftlinge.
All diese Lagerbereiche lassen sich ebensowenig von der Geschichte des
Frauenlagers trennen, wie die ab 1943 zunehmende Zahl von Außenlagern,
die in direkter Nachbarschaft von Rüstungsbetrieben errichtet wurden.
Der von Philipp gewählte Ansatz erweist sich insbesondere dann als
willkürlich und problematisch, wenn es um Ereignisse geht, die nicht
ausschließlich das Frauenlager betrafen. So nahmen SS-Ärzte im Januar
1945 nicht nur an weiblichen, sondern auch an männlichen Häftlingen der
Sinti und Roma Sterilisationen vor. Auch im Männerlager waren die
jüngsten Opfer im Alter von zehn bis 15 Jahren.(5) Für den März 1942
ist im Kalendarium von einem Transport mit weiblichen Häftlingen in das
KZ Majdanek die Rede, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch gar kein
"Frauenfeld" in Majdanek gab. Die Erklärung findet sich in dem
als Quelle zitierten Bericht. Er stammt von einem männlichen Häftling,
der darin nicht den Abtransport von Frauen schildert, sondern den der
knapp 300 männlichen Opfer der Mordaktion "14 f 13" (6)- der
Fortführung der "Euthanasie" in den Konzentrationslagern -, von
denen es gerüchteweise (und letztlich unzutreffend) im Männerlager
hieß, sie kämen nach Lublin/Majdanek.
Vollkommen unterbelichtet bleiben die zwei Betriebe, die in Ravensbrück
maßgeblich die Arbeitskraft der weiblichen Häftlinge ausbeuteten: die
SS-eigene Texled und die Siemens & Halske AG. Und es ist schon ein
Kunststück, noch weniger Informationen über Siemens in Ravensbrück zu
präsentieren als der Siemens-Historiker Wilfried Feldenkirchen.(7)
Außerdem sind vier der insgesamt neun relevanten Kalendariumseinträge zu
Siemens fehlerhaft bzw. vollkommen falsch; gleiches gilt für vier der
insgesamt zehn relevanten Angaben zur Texled. In keinem Fall wurden die
durchaus vorhandenen Dokumente herangezogen, sondern es wurde
ausschließlich auf Sekundärliteratur zurückgegriffen.
Zu den Außenlagern für weibliche und männliche Häftlinge nennt das
Kalendarium nicht eine einzige Zahl. Etliche Außenlager werden nicht
einmal mit Namen genannt, geschweige denn die Firmen und staatlichen
Institutionen, die sich dort der KZ-Häftlinge bedienten. Dem Kalendarium
nach hat der Heinkel-Konzern niemals Häftlinge des KZ Ravensbrück
beschäftigt. Dabei unterhielt Heinkel u. a. in Barth ab November 1943
eines der größten Außenlager des KZ Ravensbrück mit insgesamt ca. 6
000 männlichen und weiblichen Häftlingen.(8)
Außerdem führt die fast vollständige Ausklammerung der Außenlager zu
einer Reihe von folgenschweren Fehlern. So sind sämtliche Angaben zur
monatlichen Gesamtzahl der weiblichen Häftlinge für das Jahr 1944 sowie
zur monatlich ausgewiesenen Zahl der verstorbenen weiblichen Häftlinge ab
1943 unzutreffend. Alle beziehen sich nicht - wie behauptet -
ausschließlich auf das Stammlager, sondern beinhalten auch die
Außenlager. Den Gipfel stellt die vollkommen verdrehte Wiedergabe eines
nicht zuletzt aufgrund seiner Einzigartigkeit bereits mehrfach
publizierten Dokuments dar. Es handelt sich um eine Aufstellung vom Januar
1945 über die Zahl der Häftlinge und SS-Wachmannschaften aller großen
Konzentrationslager einschließlich der ihnen unterstellten Außenlager.(9)
Im Kalendarium ist sie kaum wiederzuerkennen. Die männlichen Häftlinge
im Stamm- und in den Außenlagern des KZ Ravensbrück werden zu weiblichen
Häftlingen in den Außenlagern umgewidmet, die Zahlen für das weibliche
und männliche SS-Bewachungspersonal ausschließlich dem Stammlager
zugeordnet. Zur Orientierung: Anfang Januar 1945 befanden sich fast zwei
Drittel der männlichen und etwa die Hälfte der weiblichen Häftlinge des
KZ-Komplexes Ravensbrück in den Außenlagern (darunter 18 größere); in
etwas geringerem Ausmaß ist dies auch für das SS-Wachpersonal
anzunehmen.
Eine Möglichkeit, die ausgeblendeten Bereiche des Lagerkomplexes in ihren
Umrissen dennoch in das Kalendarium einzubinden, hätten die jedem Jahr
vorangestellten Einführungen geboten. Diese Chance wurde verschenkt.
Statt dessen präsentiert Philipp Informationen zum allgemeinen
Kriegsgeschehen, insbesondere zum Frontverlauf und für 1943 und 1945
Schilderungen der verheerenden Bombenangriffe auf Köln, Hamburg und
Dresden, wobei in den meisten Fällen kein direkter Zusammenhang mit dem
KZ Ravensbrück zu erkennen ist. Der Überblick über das Jahr 1944
umfaßt vier Seiten. Nicht ein Satz davon behandelt den Einsatz von
KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie. Bei den Bombenangriffen wird
jeweils die Zahl der Todesopfer genannt; nach der Gesamtzahl der
Todesopfer des KZ Ravensbrück (etwa 20.000 - 30.000 weibliche und
mindestens 2.100 männliche Häftlinge) sucht man im Kalendarium hingegen
vergeblich.(10)
Nicht eingelöste Ansprüche und ungenutzte Quellen
Besonderen Wert legt Philipp erklärtermaßen auf
geschlechtsspezifische Aspekte und die Frage nach den Tätern und
Täterinnen und folgt damit aktuellen Forschungsschwerpunkten. Deren erste
Ergebnisse, beispielsweise hinsichtlich der SS-Aufseherinnen, läßt sie
allerdings vollkommen unberücksichtigt.(11) Auch hier blieben in der
Gedenkstätte befindliche Dokumente ungenutzt. Gleiches gilt für das
männliche Bewachungspersonal. Laut Kalendarium hat der letzte Kommandant,
SS-Hauptsturmführer Fritz Suhren, seinen Dienst in Ravensbrück insgesamt
dreimal angetreten: am 1. August, im Oktober und im November 1942. Seiner
Personalakte wäre zu entnehmen gewesen, daß seine Versetzung nach
Ravensbrück offiziell am 1. September 1942 erfolgte.
Vollkommen unverständlich bleibt die Ignorierung einer der wichtigsten
und erschütterndsten Quellen, die für das Frauenlager im KZ Ravensbrück
überliefert ist: das bis Ende April 1945 geführte Geburtenbuch, das sich
im Original im Archiv der Gedenkstätte befindet. Die erhalten gebliebenen
Seiten beginnen am 19. September 1944 und verzeichnen insgesamt 527
Geburten. 48 Frauen erlitten eine Fehl- oder Totgeburt. Bei über der
Hälfte der Geburten (266) wurde wenige Tage oder Wochen später das
Sterbedatum der Säuglinge nachgetragen. Ein weiterer Blick ins
Geburtenbuch und eine wenig aufwendige Literaturrecherche hätten die
Autorin auch davor bewahrt, entgegen der von ihr zitierten Quelle zu
behaupten, der Transport, mit dem sich die Lagerleitung der bis dahin
überlebenden Säuglinge und ihrer Mütter sowie der Schwangeren und
Kleinkinder entledigen wollte, habe sein verhängnisvolles Ziel, das KZ
Bergen-Belsen, Ende März 1945 nicht erreicht.(12)
Abgesehen von zwei Ausnahmen (dem Institut für Zeitgeschichte in München
und der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg), die
sich für Philipp anscheinend nicht als sonderlich ergiebig erwiesen
haben, wurde offenbar kein weiteres deutsches Archiv (weder das
Bundesarchiv, noch eines der anderen Gedenkstättenarchive) aufgesucht
oder kontaktiert. Lieber recherchierte die Autorin in ausländischen
Archiven in Israel, den USA oder Polen. In erster Linie, um festzustellen,
daß sich die meisten Zugangslisten bereits in Kopie in der Gedenkstätte
befanden. Das erklärt auch, warum der Großteil der eintreffenden
Transporte in beiden Aufstellungen mit mehreren, teilweise bis zu sechs
Archivsignaturen belegt wird, wo in den meisten Fällen die entsprechende
Seitenzahl bei Kiedrzynska gereicht hätte. Die darüber hinausgehenden
Möglichkeiten in den besuchten ausländischen Archiven blieben
offensichtlich ungenutzt.
Einladung zur Geschichtsfälschung
Die Gaskammer von Ravensbrück, in der von Ende Januar/Anfang Februar
1945 bis wenige Tage vor der Befreiung Ende April 1945 etwa 5.000 bis
6.000 Häftlinge qualvoll zu Tode gebracht wurden, ist angesichts der eher
zunehmenden als abnehmenden Leugnungsversuche durch rechte und
rechtsradikale Kreise (nicht nur in Deutschland) ein besonders sensibles
Thema. Die Darstellung im Kalendarium läßt die sich daraus ergebende
Pflicht zur besonderen Sorgfalt allerdings vermissen. So sucht man auf der
Lagerskizze vergeblich nach dem Standort der Gaskammer, obwohl der Plan
vorgibt, den Stand von 1945 zu zeigen. Auch kam der für die Selektionen
in die Gaskammer maßgeblich mitverantwortliche SS-Arzt Dr. Winkelmann
nicht aus Auschwitz, was sein mörderisches Treiben in Ravensbrück in
keiner Weise abmildert. Höchst problematisch ist außerdem der Umgang mit
einem der wenigen Dokumente, die zum Komplex der Gaskammer erhalten sind.
Es handelt sich um eine fingierte Liste vom 6. April 1945, mit der die SS
die in der Gaskammer ermordeten Häftlinge nachträglich als in das
"Schonungslager Mittwerda i. Schlesien" überstellt angab.
Entgegen dem gut lesbaren Dokument und der einschlägigen Fachliteratur13
ist im Kalendarium von "Mittweida" als Zielort die Rede (S. 199,
202 und 204); ein kleiner Unterschied mit großen
Interpretationsmöglichkeiten, vor allem für Revisionisten. Denn im
Gegensatz zum nicht existierenden Mittwerda war Mittweida ein Außenlager
für weibliche Häftlinge des KZ Flossenbürg in Sachsen, das zum
fraglichen Zeitpunkt noch bestand.(14) Die Angabe "Mittweida"
könnte nun zu Recht von jedem als Argument angeführt werden, daß die
Überstellung von Häftlingen in ein existierendes Außenlager nicht als
Beweis für deren Ermordung in der Gaskammer von Ravensbrück gelten kann.
Im übrigen findet sich diese falsche Version in zwei weiteren
Gedenkstättenpublikationen der letzten fünf Jahre.(15)
Eine völlig neue These präsentiert Philipp hinsichtlich der
Vorgeschichte bzw. der Anfangsphase des Frauenlagers. Ausgangspunkt ist
die Frage, warum die erste in Ravensbrück vergebene Häftlingsnummer die
1.415 war. Über eine im einzelnen nicht nachvollziehbare Rechnung wird
dann darauf geschlossen, daß bereits vor November 1938 mehrere Hundert
weibliche Häftlinge "in das noch nicht eröffnete [sic!]" KZ
Ravensbrück gebracht worden wären. Dabei liegt die Lösung des
"Problems" auf der Hand und wurde bereits 1965 von kompetenter
Seite, dem Internationalen Suchdienst in Arolsen, veröffentlicht:
"Die Häftlinge, die von der Lichtenburg nach Ravensbrück verlegt
wurden, behielten ihre Häftlingsnummern aus dem KL Lichtenburg. Für
Neuzugänge im KL Ravensbrück wurde die Häftlingsnummernserie aus dem KL
Lichtenburg weitergeführt".(16) Im übrigen scheint Philipp ihrer
These selbst nicht recht getraut zu haben, denn warum sonst beginnt das
Kalendarium "erst" mit dem 15. Mai 1939, die Aufstellung der
Zugänge im Anhang "erst" mit dem 21. Mai 1939?
Unterm Strich
Keiner der in der Einleitung und dem Vorwort - teilweise in unnötig
hohem Maße - erhobenen Ansprüche ("Handbuch der
Grundlagenforschung"; "Baustein für die vergleichende
KZ-Forschung"; "Handwerkszeug, um Theorien zum
nationalsozialistischen System der Konzentrationslager zu
hinterfragen") wird auch nur ansatzweise eingelöst. Im Gegenteil:
das Kalendarium läßt grundlegende wissenschaftliche Standards
schmerzlich vermissen. Das führt nicht nur in entscheidenden Punkten zu
einem verzerrten Bild des KZ Ravensbrück, sondern leistet darüber hinaus
Mißverständnissen, Mißdeutungen, der Bildung von Legenden bis hin zur
Leugnung der in Ravensbrück begangenen Verbrechen Vorschub. Philipp
selbst liefert dafür beredete Beispiele. Nicht einmal der gegenwärtige
Kenntnissstand konnte erfaßt und für weitergehende Forschungen
gebündelt werden. Insofern ist der Wert des Kalendariums bestenfalls der
eines unnötig unvollständigen und unüberprüften Zettelkastens: selber
schuld, wer sich darauf verläßt?
Gemeinhin durchläuft ein Manuskript vor seiner Veröffentlichung mehrere
unterschiedliche Kontrollinstanzen. Abgesehen von der Betreuung des
Kalendarium-Projekts innerhalb der Gedenkstätte stellt sich insbesondere
die Frage, warum der renommierte Metropol Verlag ganz offensichtlich auf
das dringend notwendige Lektorat verzichtet hat. Vermutlich ist das zu
einem Teil auf die prekären Bedingungen zurückzuführen, unter denen
sich heutzutage Veröffentlichungen vollziehen und finanzielle Erwägungen
dazu führen, letztlich am falschen Ende zu sparen.
Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und die Stiftung Brandenburgische
Gedenkstätten wurden im Frühjahr vom Autor dieser Zeilen, aber auch von
anderer Seite ausführlich über die hier auszugsweise dargelegten Mängel
informiert. Die Gedenkstätte kündigte daraufhin an, dem Kalendarium
künftig einen Errata-Zettel beilegen zu lassen, auf dem zwölf Fehler
richtiggestellt werden. Abgesehen davon, daß zwei der
"Richtigstellungen" falsch sind, ist es damit noch lange nicht
getan. Und wenn die Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, Dr. Sigrid
Jacobeit, das Kalendarium im Vorwort als "unentbehrlich für
künftige Forschungen, die pädagogische Arbeit und die
Öffentlichkeitsarbeit" ihrer Einrichtung bezeichnet, stellt sich die
Frage, auf was wir uns da noch gefaßt machen dürfen.
Anmerkungen
1 Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager
Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbeck 1989.
2 Wanda Kiedrzynska, Ravensbrück. Kobiecy obóz koncentracyjny, Warszawa
21965, S. 317-369.
3 Vgl. Czech, Kalendarium Auschwitz-Birkenau, S. 394.
4 Ebd., S. 756, S. 783 und S. 838 ff.
5 Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische
"Lösung der Zigeunerfrage", Hamburg 1996, S. 358 (nicht in der
"Auswahlbibiographie").
6 Bernhard Strebel, Das Männerlager im KZ Ravensbrück 1941-1945, in:
Dachauer Hefte (1998), S. 141-174, hier S. 161 (zumindest in der
"Auswahlbibliographie" erwähnt).
7 Wilfried Feldenkirchen, Siemens 1918-1945, München 1995; in der
"Auswahlbibliographie" ebenso nicht genannt wie Carola Sachse,
Zwangsarbeit für die Firma Siemens 1940-1945, in: Christl Wickert (Hg.),
Frauen gegen die Diktatur - Widerstand und Verfolgung im
nationalsozialistischen Deutschland, Berlin 1995, S. 140-153.
8 Helga Radau, Nichts ist vergessen und niemand. Aus der Geschichte des KZ
Barth, Kückenshagen 1994 (nicht in der "Auswahlbibliographie").
9 Faksimile-Abdruck in: Johannes Tuchel, Die Inspektion der
Konzentrationslager 1938-1945. Das System des Terrors, Berlin 1994, S. 212
f. (zumindest in der "Auswahlbibliographie" erwähnt).
10 Bernhard Strebel, Ravensbrück - das zentrale
Frauenkonzentrationslager, in: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph
Dieckmann (Hg.), Die nationalsozialistischen Konzentrationslager.
Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, S. 215-258, hier S. 242 ff.
(nicht in der "Auswahlbibliographie"); ders., Männerlager, S.
173.
11 Irmtraud Heike, "... da es sich ja lediglich um die Bewachung der
Häftlinge handelt..." Lagerverwaltung und Bewachungspersonal, in:
Claus Füllberg-Stolberg u. a. (Hg.), Frauen in Konzentrationslagern.
Bergen-Belsen; Ravensbrück, Bremen 1994, S. 221-239; Gudrun Schwarz:
SS-Aufseherinnen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern
(1933-1945), in: Dachauer Hefte 10 (1994), S. 32-49 (beide nicht in der
"Auswahlbibliographie").
12 Eberhard Kolb, Bergen-Belsen. Vom "Aufenthaltslager" zum
Konzentrationslager 1943-1945, Göttingen 1996, S. 75 (nicht in der
"Auswahlbiliographie").
13 Stand 1988: Germaine Tillion, Frauenkonzentrationslager Ravensbrück,
Lüneburg 1998, S. 279-299; Anise-Postel-Vinay, Die Massentötungen durch
Gas in Ravensbrück, in: ebenda, S. 357-395, hier S. 369. Beide Autorinnen
korrigieren darin die fehlerhafte Angabe "Mitwerda" in: Eugen
Kogon, Hermann Langbein, Adalbert Rückerl (Hg.), Nationalsozialistische
Massentötungen durch Giftgas. Eine Dokumentation, Frankfurt/M. 1986, S.
263; zuletzt: Strebel, Frauenkonzentrationslager, S. 238 f. (dort auch
mein ausdrücklicher Hinweis auf das irreführende "Mittweida"
mit Bezug auf einen Aufsatz der Verfasserin des Kalendariums; eine Kopie
des Manuskriptes wurde der Gedenkstättenleiterin im Februar 1997 zur
Verfügung gestellt).
14 Gudrun Schwarz, Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt/M. 1990,
S. 162.
15 Grit Weichelt [heute Philipp], Das Frauen-Konzentrationslager
Ravensbrück vor der Befreiung, in: Sigrid Jacobeit/Simone Erpel (Hg.),
"Ich grüße Euch als freier Mensch". Quellenedition zur
Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück im April 1945,
Berlin 1995, S. 15 und S. 17; Simone Erpel, Kriegsende und Befreiung, in:
Sigrid Jacobeit/Grit Philipp (Hg.), Forschungsschwerpunkt Ravensbrück,
Berlin 1997, S. 47.
16 Internationaler Suchdienst, Häftlingsnummernzuteilung in
Konzentrationslagern, Arolsen 1965, S. 28 (nicht in der
"Auswahlbibliographie").
Grit Philipp:
Kalendarium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück
1939-1945.
Berlin: Metropol, 1999. Bernhard Strebel
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Von der Ausgrabung
zur Ausstellung
Barbar Fenner,
Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Landsberger
Ignaz-Kögler-Gymnasium, hat die in Sonntagsreden der Bildungspolitiker
regelmäßig erhobene Forderung, Schule müsse zentraler Lernort für
Demokratie sein, beim Wort genommen. Sie und eine freiwillige
Arbeitsgruppe von Schülerinnen und Schüler der 9., später 10. Klasse
haben in den Jahren 1994/1995 ein Stück fast perfekt verdrängter
Landsberger Geschichte mit den eigenen Händen ausgegraben. Und damit
wieder für alle sichtbar gemacht: das KZ-Außenlager Kaufering XI.
Es lag innerhalb des Stadtgebiets von Landsberg, gehörte mit zehn
weiteren Lagern zum Kompex Kaufering des KZ Dachau und dürfte etwa 3.000
Gefangene gehabt haben, überwiegend Juden aus Ost- und Südosteuropa. Es
bestand von Oktober 1944 bis zur befreiung Ende April 1945. Die Häftlinge
mußten Zwangsarbeit für Privatfirmen beim Bau von riesigen Bunkern unter
Leitung der Organisation Todt, der Bauabteilung des Rüstungsministeriums
verrichten.
Das Ergebnis ihrer fast anderthalbjährigen Arbeit präsentierten die
Schülerinnen und Schüler in einer Ausstellung, die nun - nach einer
Überarbeitung unter museumspädagogischen Aspekten - ihren festen Platz
am „authentischen Ort“ gefunden hat: Im „Weingut II“, einem
Großbunker auf dem Geländer der Welfenkaserne.
Die ersten sieben Tafel befassen sich mit einigen Schlaglichtern aus der
Landsberger Geschichte: Hitlers Zelle während der Festungshaft, Landsberg
als nationalsozialistische „Stadt der Jugend“, die Verfolgung
politischer Gegner und die Vertreibung der jüdischen Menschen aus der
Stadt und dem Landkreis bis zum Novemberpogrom 1938. 32 Tafeln behandeln
den KZ-Komplex Kaufering und die zugehörigen Bunkerprojekte.
Beeindruckend und von hohem historischen Wert weit über den lokalen
Bereich hinaus sind Fotos von den Bauarbeiten an „Weingut II“ aus der
Sammlung des damaligen Bauleiters sowie Aufnahmen, die US-amerikanische
Soldaten bei der Befreiung der Kauferinger Lager machten. Sie zeigen
ungewöhnliche Häftlingsunterkünfte: nicht Baracken, die das Bild vom
„KZ“ im allgemeinen Bewußtsein geprägt haben, sondern halb in den
Boden eingegrabene, mit Erde bedeckte Unterstände. Auch die Aufnahmen von
der Lagerevakuierung, die ein Landsberger Bürger am 24. April 1945
heimlich machte, gehören zu den wenigen Bilddokumenten, die es über
Todesmärsche gibt. Drei Tafeln widmen sich der unmittelbaren
Nachkriegsgeschichte: Lager für displaced persons, NS-Prozesse und
Landsberg als Hinrichtungsstätte für NS-Täter. Zur Ausstellung gehört
auch eine Vitrine, in der bei den Grabungen gefundene Gegenstände, u.a.
ein Essenkübel aus dem Lager XI, gezeigt werden.
Ein Ausstellungskatalog dokumentiert diese herausragende Arbeit. Nur wer
ähnliches schon einmal versucht hat, kann ahnen, wie viel Arbeit - neben
den Verpflichtungen des Alltags - darin steckt, und auch, welche
Widerstände es in einer weitgehend konservativen Umgebung zu überwinden
galt. Das Ergebnis sollte Anderen Mut machen. Denn wo lässt sich
Geschichte anschaulicher erfahren, wo lässt sich produktiver aus ihr
lernen, wo lassen sich die Erkenntnisse und Erfahrungen aus der der
Beschäftigung mit ihr konkreter in politisches Handeln umsetzen als am
Heimatort?
Barbara
Fenner: Wir machen ein KZ sichtbar. Katalog zur Schülerausstellung über
das Lager XI des größten Außenkommandos des ehemaligen
Konzentrationslagers Dachau im Bunker der Welfenkaserne Landsberg.
Landsberg: Hofstetten, 2000.
Joachim Neander
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Ausgegrenzt
Ein noch immer zu
wenig erforschtes Thema - wohl auch wegen der etwas schwierigen Beweis-
und Darstellungslage trotz vorhandener Quellen - packt der Verfasser hier
mutig an. Er weiss aus eigenem Erleben um die Verletzbar- und auch
Verletzlichkeit der Betroffenen, die ein Stück gepaart ist mit Scham
über das "Sich-haben-missbrauchen-Lassen"zu dem, was geschah
mit Geschöpfen Gottes, die sich selbst und aus eigener Kraft nicht wehren
konnten. Sie waren ja von der Gesellschaft als “Idioten“
katalogisiert. Die über 300seitige Darstellung ist deutlich mehr als
bloss die Geschichte der Evangelischen Stiftung Neuerkerode von den
Anfängen vor einem Jahrhundert bis in die Gegenwart. Joachim Klieme, von
Haus aus Theologe, kann sozusagen “aus dem Vollen“ schöpfen, denn von
1972 bis 1979 war er Direktor dieser Einrichtung und hat vieles hautnah
betrachten und nachlesen können. Er besitzt detailgenaues Einzelwissen
wichtiger, entscheidender Internas. Mit der Akribie des um Aufklärung
Bemühten gelingt ihm weit mehr als ein Sachbuch, das historische Fakten
zusammenträgt. Er zeigt vielfach Menschen in ihrer seelischen Not durch
die von ihnen abverlangten, aber nicht gewollten Entscheidungen. Joachim
Klieme stellt immer wieder den geschichtlichen Zusammenhang und die
verhängnisvolle politische Wechselwirkung her. Es gelingt ihm,
unmissverständlich aufzuzeigen, wie „schnell und einfach“ es war, die
anvertrauten behinderten Menschen nicht als Bestandteil der Schöpfung zu
akzeptieren, sondern sie als deren Panne einzustufen.
Basis allen Handelns staatlicher Organe war das schrecklich fatale GzVeN
(Gesetz zur Vermeidung erbkranken Nachwuchses). Mit ihm war es ein
Leichtes, die auf Hilfe anderer Angewiesenen auszuschalten, sie zu
stigmatisieren und auszugrenzen ("überflüssige Esser").
Einrichtungen wie die Anstalt Neuerkerode waren damit zur Verfügungsmasse
degradiert und dienten gegen ihren Willen kriegerischen Planspielen; ihre
Insassen wurden schutzlos der Vernichtung preisgegeben. Quellenangaben,
Literaturverzeichnis, zahlreiche Fotos und Tabellen vervoll-ständigen die
resümierende Erkenntnis, dass "zeitgeschichtliche Spurensuche .. nur
als ein nach vorn hin offener Prozess denkbar" ist.
Joachim
Klieme: Ausgrenzung aus der „NS-Volksgemeinschaft“. Herausgegeben vom
Braunschweiger Geschichtsverein. Braunschweig 1997.
Wolfgang Janz
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"...
als ob wir Feinde wären"
Ein Lehrer, Gerhard
Brändle, und eine Schülerin, Sarah Hary, haben das Schicksal von
jüdischen Schülerinnen und Schülern an der Osterfeldschule in Pforzheim
erforscht. Ihre wichtigsten Quellen sind Briefe, mündliche Berichte und
Fotos, die sie von Überlebenden erhielten. Das Buch setzt ein mit deren
Erinnerungen an den Auftritt Hitlers im September 1933 in der Stadt; die
nächste Zäsur bildet das Jahr 1936, als jüdische Kinder aus den
Volksschulen ausgeschlossen wurden. In Pforzheim wurde damals eine „Jüdische
Abteilung“ in der damaligen Hindenburg-Schule, heute wieder
Osterfeldschule eingerichtet: diesem Schul-Ghetto ist ein ganzes Kapitel
gewidmet. Exkurse werfen Schlaglichter auf die Zustände an Gymnasien bzw.
in der Berufsausbildung und machen auf Forschungslücken aufmerksam.
Mit der Deportation der badischen und pfälzischen Juden am 22. Oktober
1940 kommt ein anderer Ort in den Blick: das sogenannte Internierungslager
Gurs in Südfrankreich. Berichtet wird über die elenden Lebensbedingungen
und auch über die heimliche Lagerschule und über Menschen, die halfen
und Schutz boten. Neun der zehn Kinder aus der Osterfeldschule konnten vor
dem Tod in Auschwitz gerettet werden. Der Titel des Buches stammt aus
einem Brief von Ursula Nathan. Sie wurde als Kind aus einer „Mischehe“
noch im Februar 1945 in das KZ Theresienstadt deportiert.
Für die Überlebenden war die Mitarbeit an diesem Buch außerordentlich
wichtig: Edith Nathan schreibt: „All diese Erinnerungen an unsere
Schicksale mit Ihnen geteilt zu haben, gab mir ein befreiendes Gefühl der
Vergangenheit“ und Philipp Loebl sieht sein Motiv, sich immer wieder zu
erinnern, in der Gegenwart: „Wie konnte in einem Land mit so weltoffenen
und liebenswerten Menschen geschehen, was geschehen ist ... Und doch
erscheinen wieder am Horizont Warnzeichen: Republikaner, Ausländerhass
und schwelender Antisemitismus.“
Gerhard Brändle, Sarah Hary: „... als ob wir
Feinde wären“. Jüdische Kinder und Jugendliche in Pforzheim 1933-1945.
Vom Schul-Ghetto am Osterfeld zur Deportation ins Lager Gurs.
Hrsg. Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 2000 (Pforzheimer Hefte
Band 10).
Ursula Krause-Schmitt
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Der
8. März bleibt unverzichtbar
220 Seiten umfasst
der von Siegfried Scholze dargestellte „Geschichtliche Abriß und
weltweite Tradition des Internationalen Frauentags vom Entstehen bis zur
Gegenwart“, und tatsächlich fehlte eine solche Untersuchung bisher. Der
Autor bedankt sich ausdrücklich bei der ehemaligen Forschungsgruppe zur
Geschichte der Frauenbewegung an der ehemaligen Pädagogischen Hochschule
Clara Zetkin in Leipzig, ohne deren langjährige Forschungen das Buch
nicht hätte geschrieben werden können.
Hinsichtlich der Anfänge galt es, falsche Überlieferungen zu
korrigieren: So war der 8. März nicht schon seit 1910, sondern erst seit
1922 das feststehende Datum (und auch dann noch nicht bei allen
politischen Gruppierungen). Auch war nicht Clara Zetkin .- bei all ihren
Verdiensten um die Propagierung dieses Tages - die ursprüngliche
Initiatorin, sondern die Idee kam von Frauen der Sozialistischen Partei in
den USA, die erstmals nationale Frauentage durchgeführt hatten und deren
Internationalisierung vorschlugen; der internationale Aspekt fand die
lebhafte Unterstützung von August Bebel. Im Laufe der Jahrzehnte wurde
der Internationale Frauentag von unterschiedlich orientierten
Frauenvereinigungen begangen, so von eher traditionellen Frauenverbänden,
Gewerkschaftsfrauen, Frauenarbeitsgemeinschaften in Parteien oder
Frauengruppen und -initiativen der autonomen Frauenbewegung; er erreichte
als „Kampf-, Feier- und Festtag“ schließlich Frauen in mehr als 125
Ländern dieser Erde. Zunächst ging es beim Internationalen Frauentag vor
allem um die Erringung des Frauenwahlrechts und die Beendigung des Ersten
Weltkriegs. Das Bestreben nach Beseitigung der vielfältigen
Diskriminierung und nach gesellschaftlicher Gleichstellung war damit
jedoch noch lange nicht erreicht. Geschildert werden bunter und
vielfältiger werdende Aktionen gegen Krieg und Rüstungswahn, für
Frauenförderung und Lohngleichheit, gegen den § 218 und gegen Gewalt an
Frauen, gegen Rassismus und Sexismus, für Solidarität mit Frauen in
aller Welt. Ausführlich und kritisch setzt sich der Autor mit der
Durchführung des 8. März in der ehemaligen DDR und in den Ländern des
„Ostblocks“ auseinander und macht zu Recht auf Forschungsdefizite zur
Geschichte dieses Tages in der alten Bundesrepublik aufmerksam. Mit „Rückschlag
und Neubesinnung (1990-2000)“ ist das letzte Kapitel überschrieben: es
reflektiert Veränderungen in Ost und West und macht zugleich deutlich,
daß „Sinn und Berechtigung dieses Kampftages mit dem Untergang des
Staatssozialismus“ nicht verloren gegangen sind.
Siegfried
Scholze: Der Internationale Frauentag einst und jetzt. Geschichtlicher
Abriß und weltweite Tradition vom Entstehen bis zur Gegenwart. Berlin:
trafo Verlag, 2000.
Ursula Krause-Schmitt
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Orte
des Erinnerns: Niedersachsen und Sachsen-Anhalt
Das Bekenntnis
Martin Niemöllers „Als die Nazis die Kommunisten holten ...“ und
Geleitworte der Ministerpräsidenten von Niedersachsen und
Sachsen-Anhalt leiten das zu Erkundungen anregende Buch ein. Reinhard
Kühnl geht in seiner Einführung „Aus der Geschichte lernen“ der
Frage nach, was denn dem Faschismus ein so enormes Gewicht verleihe,
dass er uns bis heute nicht loslasse, und bringt mehr als ausreichende
Argumente aus den aktuellen öffentlichen Auseinandersetzungen zu den
Themen Entschädigung für Zwangsarbeit und Rechtsextremismus. Wer sich
also konkret in beiden Bundesländern über Stätten von Widerstand,
Zwangsarbeit,Verfolgung und Vernichtung informieren möchte, dem werden
auf etwas mehr als 120 grossformatigen Seiten exemplarisch Gedenkorte
vorgestellt. Karten, Dokumente und Zeichnungen, Augenzeugenberichte,
Bilder und Literaturhinweise, genaue Wegebeschreibungen,
Begriffserläuterungen und Kontaktadressen sollen ermutigen, sich vor
Ort selbst mit den vorhandenen Stätten der Erinnerung und der
Lokalgeschichte während des NS-Regimes zu beschäftigen. Die
Ausführungen machen deutlich, dass Grausamkeiten und Massenmorde
logische Bestandteile der Terror- und Eroberungspolitik waren. Das
letzte Kapitel trägt die Überschrift „Rechtsradikaler und
fremdenfeindlicher Terror in Deutschland 1980 bis 2000 - eine
unvollständige Chronik“. Unausgesprochen ruft es auf, hellhörig zu
werden, wie gefährlich eine radikale Verneinung all dessen sein kann,
was eine menschenwürdige Gesellschaft ausmacht: Freiheit und
Demokratie, Toleranz und Humanität, Völkerverständigung und Frieden;
denn dieses alles ist unabdingbare Voraussetzung zur Schaffung einer
Gesellschaft der sozialen Sicherheit. Natürlich birgt der Herausgeber,
die IG Metall Niedersachen, eine gewerkschaftliche Sicht der Dinge in
sich. Unbestritten bleibt: Das Buch ist ein nützlicher Wegweiser.
Reinhard Jacobs:
Terror unterm Hakenkreuz. Orte des Erinnerns in Niedersachsen und
Sachsen-Anhalt. Hg.: IG Metall Bezirk Hannover. Göttingen:
Steidl-Verl., 2000.
Wolfgang Janz
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Aus
der Sowjetunion verschleppt nach Deutschland
Zu den
bemerkenswertesten Büchern des Jahres 2000 zählt für mich der von
Herbert Diercks herausgegebene Band über den Leidensweg Jugendlicher aus
der Sowjetunion, die meistens 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland
verschleppt und später Gefangene des Konzentrationslagers Neuengamme
wurden.
Die größte Gruppe der Gefangenen kam aus der Ukraine. Zwischen 1992 und
1998 hat der Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V. viele der
Überlebenden befragt bzw. angeregt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.
Ausschnitte aus diesen Berichten stehen im Zentrum des Buches. Es handelt
sich dabei um Angaben von 66 Männern und drei Frauen, die größtenteils
zwischen 16 und 18 Jahre alt waren, als sie zwangsweise nach Deutschland
gebracht wurden. Sechs von ihnen waren jünger, der jüngste 14 Jahre alt.
Herbert Diercks hat als Archivar in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme ein
Großteil dieser Menschen persönlich kennengelernt, sie ermuntert und bei
der Anfertigung der Berichte beraten. Von ihm stammen die Einleitung und
die übergreifenden Texte zu den einzelnen Abschnitten. Dokumentiert
werden die Deportation, der Einsatz als Ostarbeiter, die Einweisung in das
KZ, der „Alltag“ im Stammlager und einigen Außenlagern, die Räumung
des Lagers Mitte April 1945 und das tragische Ende vom 3. Mai 1945 in der
Lübecker Bucht. In weiteren Abschnitten wird über Gründe für die
Einlieferung in das KZ, Terror und Hinrichtungen im Lager, über
Solidarität und Widerstand berichtet. Sehr nachdenklich stimmen auch die
knappen Texte am Ende des Bandes über die Befreiung, die Rückkehr in die
Sowjetunion und das Leben danach.
Die Publikation ist für die gegenwärtige Auseinandersetzung um die
Entschädigung der Zwangsarbeiter von besonderer Bedeutung
Unmißverständlich wird belegt, daß Bürger der Sowjetunion zu denen
gehörten, die am meisten gelitten, die größten Opfer gebracht haben.
Sie wurden als Zwangsarbeiter und Gefangene der KZ am schlechtesten
behandelt. Nach Ende des Krieges wurden sie Zuhause in Folge der
stalinistischen Politik nicht in Ehren empfangen, sondern wieder
unterdrückt, gedemütigt und ausgeschlossen. Die wenigen heute noch
Lebenden zählen oft zu den ärmsten Menschen, viele sind krank und leiden
Not. Deutlich wird, wie dringend notwendig eine baldige Entschädigung der
Zwangsarbeiter von deutscher Seite ist, wie peinlich und würdelos
erscheint angesichts dieser Schicksale das Verhalten der deutschen
Großindustrie.
Herbert Diercks (Hg.): Verschleppt nach Deutschland!
Jugendliche Häftlinge des KZ Neuengamme aus der Sowjetunion erinnern
sich. Hrsg. im Auftrag des Freundeskreises KZ-Gedenkstätte Neuengamme
e.V. und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Bremen: Edition Temmen, 2000.
Karl Heinz Jahnke
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Ein
jüdisches Tagebuch 1933-1940
In der
Universitätsbibliothek in Wroclaw befinden sich Tagebücher und Briefe
des jüdischen Kaufmanns Walter Tausk, der von 1892 bis 1941 in Breslau
gelebt hat. Zurückgeblieben sind Tagebücher, die zwischen 1925 und 1940
geschrieben wurden. Der polnische Historiker Dr. Ryszard Kincel hat diese
entdeckt und 1973 in Warschau eine Auswahl der Texte unter dem Titel „Die
Pest in der Stadt Breslau“ publiziert. Bereits zwei Jahre danach bot ihm
in der DDR der Verlag Rütten & Loening die Möglichkeit, die erhalten
gebliebenen Teile der Tagebücher aus den Jahren 1933 bis 1940 zu
veröffentlichen. Es erschien das Buch „Breslauer Tagebuch 1933 - 1940“.
Aufnahme fanden die vom 1.2.1933 - 21.1.1934, vom 4.9.1935 - 31.8.1936 und
vom 11.9.1938 bis 5.3.1940 gemachten Aufzeichnungen. Kincel stellte den
Tagebüchern eine Einleitung voraus, in der Auskünfte zur Biographie von
Walter Tausk und zur Situation in Breslau in der ersten Hälfte des
Dritten Reiches gegeben werden. Das Buch fand in der DDR eine große
Resonanz - dafür sprechen die vier Auflagen, die bis 1986 erschienen
sind. 1995 publizierte der Reclam Verlag Leipzig eine Lizenzausgabe mit
einem Nachwort von Henryk M. Broder.
Es ist zu begrüßen, daß sich fünf Jahre später der Aufbau Verlag
entschloß, den Titel in seine Taschenbuchreihe neu aufzunehmen. Zu den
vorherigen Ausgaben gibt es einige Veränderungen. Die Anmerkungen wurden
von Peter Maser überarbeitet und erweitert. Gleiches gilt für den
Illustrationsteil. Dem Buch ist eine weite Verbreitung, vor allem unter
jungen Menschen, zu wünschen. Es gehört zu den in ihrer Authentizität
und Unverwechselbarkeit stark beeindruckenden Zeugnissen des Lebens
jüdischer Menschen in Hitlerdeutschland. Umfassend dargestellt ist die
Situation im Jahre 1933 (S. 25 - 120), vor allem der erste von den Nazis
organisierte Pogrom gegen die Juden am 1. April 1933. Geschildert werden
die Folgen der Nürnberger Rassengesetze, die im Herbst 1935 in Kraft
traten (S. 127 ff.). Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Vertreibung der
polnischen Juden aus Breslau und das Geschehen um die Reichspogromnacht
vom 9. November 1938 (S. 167 - 211). Im letzten Teil wird auf die neue
Stufe der Judenverfolgungen nach Beginn des Zweiten. Weltkrieges
eingegangen (S. 228 ff.). Insgesamt tragen die Tagebücher von Walter
Tausk dazu bei, den gewöhnlichen Faschismus näher kennenzulernen und zu
erfahren, wie der Terror gegen die Juden das Leben der Menschen um Walter
Tausk völlig verändert hat. Bemerkenswert ist der Weitblick des Autors
hinsichtlich der Beurteilung der Gesamtpolitik des NS-Regimes.
Walter
Tausk: Breslauer Tagebuch 1933 - 1940. Hrsg. v. Ryszard Kincel.
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2000.
Karl Heinz Jahnke
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Briefe
von Anna Seghers
Erstmalig
wurde eine Auswahl von Briefen von Anna Seghers aus dem Jahre 1947
veröffentlicht. Herausgeberin des Buches ist die
Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Christel Berger - sie traf die
Briefauswahl, verfaßte ausführliche Anmerkungen, eine Zeittafel und
das Nachwort.
Aufgenommen
wurden 138 Briefe, 63 stammen von Anna Seghers, die übrigen sind an
sie gerichtet. Die Adressaten ihrer Briefe sind langjährige Freunde,
darunter bekannte Schriftsteller und Künstler wie Johannes R. Becher,
Bruno Frei, Stephan Hermlin, Gisl und Egon Erwin Kisch, Nico Rost,
Jeanne und Kurt Stern, Helene Weigel, F.C.Weiskopf, Lisa
Tetzner-Kläber sowie andere, ihr bisher unbekannte Menschen, die sie
um Rat und Hilfe ersucht hatten.
Am 22. April
1947 war Anna Seghers aus dem mexikanischen Exil nach Deutschland
zurückgekehrt. Sie hatte sich nach reiflicher Prüfung entschieden,
nach Berlin, in die sowjetisch besetzte Zone zu gehen. Hierher kam sie
mit großen Hoffnungen, sie wollte mithelfen, die faschistische
Vergangenheit vollständig auszulöschen. Das, was sie in Deutschland
vorfand, täglich erlebte, erschütterte sie tief, sie hatte Mühe,
nicht zu resignieren. Einige Zeilen aus verschiedenen Briefen sollen
Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt geben.
„Die meisten
Menschen sind so stumpf, so verdummt, wie man sich das vorgestellt
hat, manchmal eher schlimmer“ (S. 72); „Wir haben hier im Volk ‚der
kalten Herzen’... Sehnsucht nach Eurer Wärme, Eurer Leidenschaft,
Eurer Liebe und Eurer Menschlichkeit“ (S. 79); „Es ist
unglaublich, was der Faschismus aus diesem Land gemacht hat. Nicht
bloß moralisch. Das war zu erwarten. Auch dieser merkwürdige
intellektuelle Bruch“ (S. 197).
Immer wieder
stößt der Leser auf die Trauer über den Verlust nächster
Angehöriger (ihre Mutter wurde 1942 in einem Vernichtungslager
ermordet) und enger Freunde wie des Sinologen Dr. Philipp Schaeffer,
der 1943 als Angehöriger der „Roten Kapelle“ hingerichtet worden
ist.
Zuversicht ist
erkennbar, wenn Anna Seghers über Begegnungen mit Antifaschisten
berichtet „Ich find die unversehrte Kraft in den alten Freunden
wieder, die Konzentrationslagern und allen Verfolgungen entkommen
sind. Den festen Willen alles zu tun, daß dieses unglückselige Land
nicht noch einmal ein Schlachtfeld in Europa wird“ (S. 45). Sehr
wach ist Anna Seghers, wenn sie darüber schreibt, daß der
Hitlerismus noch längst nicht besiegt ist. Im November 1947 äußert
sie sich in einem Brief an die Teilnehmer der Konferenz in London „Wie
kann die deutsche Frage gelöst werden?“: „Hitler ist tot, aber
der Hitlerismus noch längst nicht. Die Kriegsverbrecher müssen
ausgemerzt werden, nicht nur die paar, die man in Nürnberg
verurteilt. Die Psychologie der Kriegsverbrecher darf keinen
Nährboden finden ... Die Jugend muß das wirkliche Heldentum
begreifen, das Heldentum des Widerstands im eigenen Volk und im
fremden Volk, damit sie den faulen Zauber des Naziheldentums verachten
lernt. Denn diese Jugend scheint mir, im Gegensatz zu dem, was man oft
darüber hört, mehr Anlaß zu Vertrauen und Zuversicht zu geben als
viele ihrer Väter. Sie ist wißbegierig und aufnahmefähig. Wir
müssen scharf darauf achten, daß ihr die Faschisten nicht wieder ‚Ersatz’
liefern, nicht allerhand dreiste Lügen, nicht Surrogate für ihre
ausgehungerten Körper und Gehirne. Sonst wird sie abermals für ein
Schlachtfeld erzogen.“ (S. 152 f.). Gedanken, die wohl bis heute in
der Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus nicht an Aktualität
verloren haben. Anna Seghers sieht sich in der Verantwortung für die
Jugend.
Anna Seghers:
Hier im Volk der kalten Herzen. Briefwechsel 1947. Hrsg. v. Christel
Berger. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2000.
Karl Heinz Jahnke
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Westfälische Finanzbehörden
und der Terror
gegen die Juden
1999 wurde in
Münster in der Villa ten Hompel (Kaiser-Wilhelm-Ring 28) eine „Stätte
des Erinnerns, der Forschung und der historisch-politischen Bildung“
eingeweiht. Zur Eröffnung wurde die Ausstellung „Verfolgung und
Verwaltung. Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die
westfälischen Finanzbehörden“ gezeigt,
Die geistigen
Väter des Projekts, die Historiker Alfons Kenkmann (Münster) und
Bernd-A. Rusinek (Düsseldorf/Siegen), zeichnen auch für den zur
Ausstellung erschienenen Katalog verantwortlich. In acht Aufsätzen
von Historikern, Juristen und Erziehungswissenschaftlern wird
eindrucksvoll die folgende Aussage der Herausgeber belegt: „Sie (die
Finanzverwaltung) verhalf dem ‚Dritten Reich’ zu gewaltigen
Summen. Sie erhob Sondersteuern und Abgaben und trieb sie ein, sie
bewachte die Grenzen, sie beteiligte sich an der Enteignung, sie zog
Erkundigungen ein und beutete aus, was den Juden sowie den ‚Zigeunern’
abgenommen wurde. Die Beamten der Finanzverwaltung waren sich nicht zu
schade, die beweglichen Gegenstände und Immobilien jener zu
verwerten, die in den Tod deportiert worden waren. Der physischen
Liquidierung ging die ökonomische häufig voraus.“ (S. 11)
Im einzelnen
werden untersucht: Die Rolle der Reichsfinanzverwaltung bei der
Ausraubung der Juden in Westfalen (Gerd Blumberg), der Anteil der
Finanzbehörden bei der „Arisierung“ in der Stadt Münster
(Susanne Freund) und das Schicksal einer Familie, des Arztes Dr.
Moritz Oppenheim aus der Kleinstadt Petershagen (Ilse Birkwald). Einen
aufschlußreichen Vergleich bietet die Arbeit von Ulrich Friedrich
Opfermann über die Verfolgung und Enteignung der Sinti und Roma in
der Kreisstadt Berleburg. Der niederländische Historiker Gerard
Aalders gibt Einblick in den großangelegten Raub des Eigentums
niederländischer Juden. Ein weniger bekanntes Kapitel beleuchtet Ralf
Blank, die im November 1941 einsetzenden „M-Aktionen“. Vorrangig
am Beispiel des Rhein-Ruhrgebiets zeigt er, wie ausgebombte deutsche
Familien von den NS-Behörden Möbel und andere Haushaltsgegenstände
aus in Frankreich, den Niederlanden und Belgien geraubtem Eigentum
erhielten. Vom Frühjahr 1942 bis Juli 1944 kamen allein 2680
Güterwaggons mit beschlagnahmten Wohnungseinrichtungen in die Gaue
Essen, Westfalen-Nord und Westfalen-Süd. Rusinek und Kenkmann bieten
in ihren abschließenden Beiträgen interessante übergreifende
Gedanken über die Rolle der staatlichen Verwaltung, der „Bürokratie“
und der Beamten im System des NS-Terrors gegenüber den Juden.
Buch und
Ausstellung vermitteln Anregungen für ähnliche Projekte in anderen
Regionen.
Alfons
Kenkmann. Bernd-A. Rusinek (Hg.): Verfolgung und Verwaltung. Die
wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die westfälischen
Finanzbehörden. Münster: Oberfinanzdirektion Münster, 1999.
Karl Heinz Jahnke
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Im letzten Augenblick
Truus Menger ist 16
Jahre alt, als sie sich 1940 in Haarlem dem bewaffneten Widerstand gegen
die deutsche Besatzungsmacht anschliesst. Gemeinsam mit ihrer zwei Jahre
jüngeren Schwester Freddie, mit Hannie Schaft und anderen lebt sie die
nächsten fünf Jahre im Untergrund, von den Nazis als Terroristin
gesucht. Sie transportiert Zeitungen, bringt jüdische Kinder in
Verstecke, verübt Sabotageakte auf Eisenbahnstrecken und erschiesst
SS-Männer und Verräter. Über diese Zeit und die lebensgefährlichen
Aktionen hat sie dieses Buch geschrieben, das nun in dritter Auflage
wieder zu kaufen ist. Sie berichtet unheroisch über das scheinbar
Unmögliche und verschweigt auch nicht ihre Angst, die Kraft zu verlieren,
je länger der Krieg dauert. Sie schreibt über ihre Trauer um Kinder,
deren Rettung mißlang, um ihre eigene verlorene Jugend und über ihre Wut
auf einige Funktionäre der nationalen Befreiungsarmee, denen ihre und
andere Widerstandsgruppen unterstellt werden, über sinnlose und der
eigenen Moral entgegenstehende Befehle. Es ist ein zutiefst berührender
Bericht, der zeigt, was Einzelne im Kampf gegen einen übermächtigen
Feind leisten können.
Truus Menger: Im
letzten Augenblick. Selbstverlag. 3. Auflage, 2000
Zu beziehen über: Stichting
Nationale Hannie Schaft-Herdenking p/a Skager Rak 29, NL - 1501 AX
Zaandam. www.hannieschaft.nl.
Ursula Krause-Schmitt
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Gegen
Hitler
Ein Buch über
Widerstand und Verfolgung in Mecklenburg. Ist das nicht etwas für die
Leute, die in der Region wohnen? Oder für die, die wie der Rezensent eine
Zuneigung zu der etwas verschlafenen Region entwickelt haben. Ja und Nein.
Im Zentrum des Buches stehen 17 Kurzbiografien von Menschen verschiedener
Religion, Nationalität und gesellschaftlicher Stellung, die mit dem
Nazi-Regime in Konflikt gerieten, ermordet wurden oder an den Folgen der
Diskriminierung starben. Gemeinsam ist ihnen ihre Heimat in Mecklenburg,
das zu den rückständigsten Gebieten des Deutschen Reiches gehörte. Die
Personen, die Karl Heinz Jahnke uns näher bekannt macht, reichen von dem
linken Sozialdemokraten Otto Volckmann, der 1936 in Spanien im Kampf gegen
Franco starb, über den Rostocker Professor Ganter, der weiterhin Juden
behandelt, 1937 Berufsverbot bekam und 1940 vereinsamt weit vor seiner
Zeit starb bis zu der sowjetischen Zwangsarbeiterin Vera Snisarenko, die
für die Flugzeugproduktion arbeiten sollte, diese sabotiert, schließlich
an Tbc erkrankte und zur Ermordung deportiert wurde. Abgesehen von Graf
von der Schulenburg sind die vorgestellten Personen eher dem unbekannten,
zum Teil auch dem "unpolitischen" Widerstand, der einfach aus
menschlichem Anstand geleistet wurde, zuzurechnen. Das Buch ist sehr
sorgfältig hergestellt und umfasst eine Fülle von erklärenden
Hinweisen, Nachweisen sowie Literaturverweisen. Soweit möglich, wurden
Briefe der Betreffenden dokumentiert. Fast immer konnten Fotografien
ausgewählt werden, die einen Eindruck von der Person und ihrem Leben
ermöglichen sollen. Die Gestaltung des Buches ist sehr schlicht,
überlegt und ansprechend. Ein Buch nur für Mecklenburger? Nein: Dieses
Buch zeigt im "Kleinen", zu welch unglaublicher Barbarei das
NS-Regime fähig war und wie stark es sich bis zuletzt auf Denunzianten
und zustimmende Gaffer stützen konnte. Etwa das Foto der Lehrerin
Marianne Grunthal, die am 2. Mai 1945 (!) auf dem Bahnhofsvorplatz von
Schwerin erhängt wurde, und ihre kurze Biografie werden den Leser nicht
unberührt lassen. Jahnke kennt den gesamten Widerstand in Deutschland und
speziell die Geschichte seiner Region wie nur wenige und er bringt sein
umfassendes Wissen in diese Kurzbiografien ein. Er zeigt in der kleinen
Welt, dem "Mikrokosmos" Mecklenburgs anhand der Biografien, was
Faschismus im Konkreten bedeutet hat. Die "große" Welt
erscheint in ihrer vollen Brutalität in dieser "kleinen" Welt,
der es wohl nie vergönnt war, eine Idylle zu sein. Und auch in dieser
rückständigen Gegend gab es viele Menschen, die aus unterschiedlichsten
Motiven Widerstand leisteten. Dieses kleine, zum Glück preiswerte Buch,
ist in Wahrheit ein großes Buch.
Karl
Heinz Jahnke: Gegen Hitler. Gegner und Verfolgte des NS-Regimes in
Mecklenburg 1933-1945. Rostock: Edition Neue Hochschulschriften, 2000.
Dietrich Marquardt
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Die
"offene Stadt" Shanghai als letzter Fluchtort
Wer sich mit der
Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen
Deutschland beschäftigt hat, konnte sich bisher - in deutscher Sprache -
nur äusserst bruchstückhaft über den Exilort Shanghai informieren. Nun
ist es damit endlich vorbei: Anlässlich des 50. Jahrestages der Rückkehr
von 300 Flüchtlingen nach Berlin 1997 haben der Verein Aktives Museum und
das Jüdische Museum in Berlin mit einer Ausstellung und einem Symposium
das Thema in Erinnerung gerufen. Das Ergebnis der Erinnerungsarbeit kann
sich sehen lassen: Rund zwanzig Beiträge - davon drei in Englisch - geben
einen umfassenden Überblick über den Forschungsstand.
Zwar liegt David Kranzlers Standardwerk "Japanese, Nazis and
Jews" aus dem Jahre 1976 immer noch nicht in deutscher Übersetzung
vor, aber sein Overview erleichtert den Zugang. Viele Facetten jüdischen
Lebens in der Stadt am Wang Poo werden angesprochen, so Rolle der
bagdadischen jüdischen Handelsfamilien, die eine wichtige Rolle im
Wirtschaftsleben spielten. Für sie waren die ab 1938 kommenden
Flüchtlinge aus Europa eine Bereicherung. Allerdings schwand die
Freundlichkeit mit der ansteigenden Zahl der Flüchtlinge, von denen viele
aus Deutschland kamen. Deren strukturelle Zusammensetzung untersuchte
Christiane Hoss - von ihr stammt ein weiterer Beitrag zur Frage der
Ausbürgerungen - und sie fand beispielsweise heraus: "Es gibt
Familien, die bei der Flucht aus dem Reich auseinander getrieben wurden,
andere konnten zusammen bleiben, wieder andere haben sich in Shanghai
wiedergefunden." Als Ergänzung hat Martin Schönfeld - wie Hoss im
Aktiven Museum engagiert - eine kleine Studie zu den Berliner
Shanghailändern durchgeführt, die Auskunft über die Herkunftsorte und
Ausbildungs- und Berufsstruktur gibt.
Seit 1937 litt die internationale Stadt Shanghai unter der japanischen
Besatzung und damit hatte sich das vorher ohnehin schon komplizierte
Verwaltungsgefüge - einheimische Bürokratie, internationale
Niederlassung und französische Konzession - um eine neue
Verwaltungsorientierung weiter verkompliziert. Schließlich wurde im
Stadtteil Hongkou noch eine häufig Ghetto genannte Sonderzone
eingerichtet, in der die jüdischen Flüchtlinge aus Europa konzentriert
wurden.
Der Impuls zur öffentlichen Erinnerung an die offene Stadt am
chinesischen Meer, die für viele aus dem Herrschaftsbereich des
nationalsozialistischen Deutschland Geflohene die einzige und letzte
Fluchtmöglichkeit war, geht stark von den Betroffenen aus. Zu ihnen
gehört die Mitherausgeberin Sonja Mühlberger, die ihre Kindheit in
Shanghai beschreibt. Sie reiste im März 1939 mit ihren Eltern dorthin,
nachdem der Vater nach dem Novemberpogrom 1938 in das Konzentrationslager
Dachau verschleppt worden war.
Auf das Verhältnis zwischen alteingesessenen und vertriebenen jüdischen
Deutschen wirkte die Auslandsorganisation der NSDAP ein, es gab eine
Gruppe der Hitler-Jugend ebenso, wie eine Dienststelle der Geheimen
Staatspolizei.
In einem sehr innovativen Beitrag haben Helga Embacher und Margit Reiter
sich mit der Frage der Geschlechterbeziehungen auseinandergesetzt und
bestätigen die These, dass Frauen häufig die treibende Kraft für die
Ausreise waren, sich in der Emigration besser zurechtfanden als Männer
und sich flexibler verhielten. Abgerundet wird der rundum gelungene
Überblicksband durch Beiträge zum kulturellen Leben im Shanghaier Exil
und einem Beitrag des Mitherausgebers Michael Kohlstruck über Klaus
Mehnert und die Zeitschrift "The XXth Century". Hinzuweisen ist
weiter auf die Themen japanischer Antisemitismus sowie NS-Rassenpolitik.
Schließlich hat der andere Mitherausgeber Georg Armbrüster in seinem
Beitrag das Ende des Exils in Shanghai untersucht. Die Rückwanderung
konnte erst 1946 beginnen. Die meisten Flüchtlinge wollten in die USA,
aber viele insbesondere der Unentschlossenen und Älteren entschieden sich
nach langwierigen Verzögerungen für die Rückkehr in ihre einstige
Heimat. Der Autor schätzt, dass 50 % der Shanghai-Emigranten sich aber
doch dauerhaft in den USA angesiedelt hat.
Von besonderem Interesse ist die dem Buch beigelegte CD ROM mit
historischen Dokumenten und einer Liste von knapp 14.800
Personeneinträgen, die auf einer im Sommer 1944 von der japanischen
Fremdenpolizei zusammengestellt wurde.
Georg
Armbrüster, Michael Kohlstruck, Sonja Mühlberger (Hrsg.): Exil Schanghai
1938-1947. Jüdisches Leben in der Emigration. Mit Erstveröffentlichung
von 14.800 Eintragungen der Ausländerliste der japanischen Fremdenpolizei
auf CD-ROM. Teetz: Hentrich & Hentrich, 2000.
Kurt Schilde
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